Monatsarchiv: Dezember 2009

Zur „Sammelzone“ beim John-Demjanjuk-Prozess in München

klau|s|ens, der demjanjuk-prozess macht derzeit pause, wegen erkrankung des angeklagten.

das mag sein.

er geht erst am 21.12. wohl weiter.

das mag sein.

was willst du dann heute?

zweitklausens, ich will auf dieses schild hinweisen. siehe unten.

warum?

weil in diesem schild der deutsche geist oder ungeist kristallisiert ist.

inwiefern?

schau doch: es geht um die shoah … und es kommen sogar in persona überlebende opfer des NS-schreckenssystems … oder zumindest die kinder und / oder andere anverwandte der opfer … und …

und ja?

dann stellen die so ein schild auf … im landgericht.

ich dachte, das schild wäre eine kunstaktion.

dachtest du?

ja.

also: ich denke, das schild zeigt den ungeist der justizverwaltung in bayern, zumindest den der verantwortlichen für den prozess oder die abwicklung des  prozesses.

„sammelzone“ … das hört sich ja schrecklich an.

genau, und dann noch bei so einem prozess.

wie unsensibel kann man denn sein?

genau – geht es noch schlimmer und noch mehr? dann noch die farbwahl!

man denkt, jetzt steht da noch ein zug … und dann werden menschen in diesen hineingeschlagen.

ja, das war auch mein erster gedanke.

und so ein schild gibt es in münchen im landgericht.

ja, man kann es kaum glauben … für manche erkenntnisse braucht man gar nicht tagelang einen prozess zu beobachten oder 1000 bücher lesen.

für manche erkenntnisse reicht schon ein schild.

wir haben es aufmerksam beobachtet.

und die journalisten und journalistinnen vor ort mögen diesem schild alle einen extra artikel oder beitrag oder kommentar widmen.

schande über solche justiz-verantwortliche.

das nimmt einem allen glauben an den rechtsstaat.

ich meine: wer solche schilder herstellt oder bastelt oder aufstellt, möge mit freiheitsstrafe nicht unter 1933 jahre(n) bestraft werden.

ja, über das „sammelzonenschildaufstellungsverhinderungsgesetz“.

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Vom Prozesstag Nr. 6 im Heinrich-Boere-Prozess Aachen berichtete KLAUSENS

klau|s|ens, was gab es gestern neues oder brisantes?

gestern fuhr ich nach aachen, um wieder abzufahren.

ist so nicht das leben? hin und her?

manchmal hat es mehr sinn, manchmal weniger.

hatte der tag gestern keinen sinn?

oh doch, aber er wurde von mir größtenteils als sinnlos erfahren. es gab zwei pausen, einen prozesstag – aber im wesentlichen ist nichts geschehen, was meine erkenntnis vorangebracht hätte.

wieso nicht?

es ging wieder um eine geforderte sofortige beendigung bzw. einstellung des prozesses.

das hatten wir doch schon!

ja, aber die verteidigung meint nun, sie zaubert.

wieso zaubern?

stichtag 1.12. hoho! na, was war? – die verteidigung hat nun alles an artikel 50 der europäischen charta aufgehängt und am lissabonner vertrag, und an dessen (neuer!) gültigkeit, und an der gültigkeit der charta, und dem verbot der doppelverurteilung. also: der lissabonner (oder mit einem „n“ lissaboner?) vertrag ist nun seit dezember 2009 plötzlich gültig – und damit ist vieles andere auch gültig.

die verteidigung will also weiterhin die einstellung des verfahrens?

sicher. die idee ist: du bist anwalt … und du holst alles für einen mandanten heraus. das ist das spiel der deutschen strafprozessordnung. also „spielen“ die verteidiger, ähnlich wie beim pokern, und versuchen hier und da ein as zu ziehen.

warum denn?

weil sie vielleicht das gericht so in die knie zwingen können.

und dann?

dann haben sie als verteidiger „gesiegt“. sie haben ihren ruhm gemehrt, die waren klug, sie waren geschickt – und sie lassen sich dann von bestimmten kollegen auf die schultern hauen.

und was denkst du?

ich denke, die verteidiger haben immer auch eine verantwortung für die deutsche bevölkerung insgesamt. und da das NS-thema ein besonders heikles ist, haben wir alles interesse, (z.b. über diesen boere-prozess) die geschichtlichen vorgänge genauer aufzuklären.

also willst du einen inhaltichen prozess?

gewiss – er soll fair und rechtsstaatlich sein – und inhaltlich: ich möchte also alles mögliche über die deutsche geschichte des schreckens lernen, um so für die zukunft das wiederkehren eines schreckens verhindern zu können.

war denn gestern alles sinnlos?

nein, denn der sohn eines mordopfers, der sohn des 1944 ermordeten bicknese, ließ gestern eine erklärung über seinen anwalt vorlesen, wonach er in diesem prozess genau diese rechtssprechung erwartet. die deutsche justiz steht nun selber vor gericht, ließ er seinen anwalt verlesen. bicknese mahnte das gericht. man spürt: er zweifelt am bundesdeutschen rechtssystem … und der anwalt schloss für diesen nebenkläger mit den drängenden nebenkläger-worten: „ich warte ab.“ – damit war die kurze, aber mahnend-wichtige erklärung beendet.

wir haben also anwälte, die juristisch „zaubern“ wollen, mit immer neuen rechtskonstrukten, und wir haben nebenkläger, die endlich von deutschland ein echtes und richtiges verfahren hinsichtlich von grausamen morden des NS-regimes erwarten.

und ein täter sitzt ja da, zumindest ist er schon mal als solcher verurteilt worden.

man hat fast den eindruck, dass das urteil von 1949 alles kaum leichter macht.

es ist eine lange rechtsgeschichte, auch eine geschichte des versagens der deutschen justiz – aber es ist immer auch das spiel der verfahrenstaktiken.

und im demjanjuk-prozess?

da hat gestern die pflichtverteidigung auch den antrag auf einstellung des verfahrens gestellt, aber nicht mit blick auf den vertrag von lissabon und EU-charta und alles das, sondern wegen der zuständigkeit des gerichtes in münchen.

wenn beide prozesse parallel laufen, dann können sich ja die verteidigungen gegenseitig beflügeln.

das können die staatsanwaltschaften und nebenkläger aber auch. alle können das. („was machen die denn in münchen?“) – außerdem geht es in münchen um die organisierte und geplante maschinerie der shoa, der gewünschten systematischen auslöschung eines volkes, und in aachen geht es um drei gezielte morde gegen regimegegner. alles ist unrecht, aber doch auf einer anderen ebene.

dann hat sich also prozesstag 6 nur wegen der erklärung des sohnes von bicknese gelohnt.

„gelohnt“ ist ein seltsames wort – aber ja, so in etwa stimmt es.

und wie weiter?

am donnerstag, 3.12., wird dann die staatsanwalt zu diesem antrag der verteidigung sprechen. und dann wird das gericht sich äußern, zu diesem einstellungsantrag. wir verbringen also wieder zeit mit den nebenschauplätzen, und dabei wollen wir endlich wahrheiten hören, über das geschehen, und über die deutsche besetzung der niederlande … und über das schreckenssystem der deutschen … und über die deutschen und niederländischen täter in den reihen der deutschen besatzung. wir wollen alles wissen, was man noch wissen kann, denn bald sind alle zeitzeugen verstorben. es wird nicht mehr viele möglichkeiten geben.

wenn das doch bloß auch die verteidigung einsehen würde!

wie recht du hast. aber was ist das schon? „recht haben“? die deutsche justizgeschichte nach 1945 zeigt, wie ungerecht das leben immer wieder ist. selbst nach den verbrechen geht der irrsinn der geschichte noch weiter und weiter.  viele täter blieben vollkommen ungeschoren. man begreift es nicht!

und formal?

prozesstage im boere-prozess bislang: 1) 28.10.2009, mittwoch 2) 2.11.2009, montag 3) 10.11.2009, dienstag 4) 23.11.2009, montag 5) 27.11.2009, freitag 6) 1.12.2009, dienstag – und wir schreiben LIVE-gedichte dazu auf: http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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Zur Münchener Enge beim Demjanjuk-Prozess schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, der auftakt des demjanjuk-prozesses in münchen muss für presse und besucher „der horror“ gewesen sein. (man entschuldige das wort in diesem zusammenhang!)

wegen der thematik?

das sowieso – aber allein schon die organisation.

was war denn?

die waren engst eingepfercht und kamen gar nicht rein. manche sollen 4 stunden draußen gestanden haben, eng, ohne platz, angstvoll.

das war in münchen?

sicher, und es waren auch noch nachkommen der opfer dabei, angehörige, die als nebenkläger auftreten.

das ist ja vollkommen unwürdig!

eben: man hat bayern oft seltsam in sinn: obrigkeitsstaatlich, eng, autoritär, schwarz, rechts, polizeibesessen.

und so scheint es jetzt wahr zu werden.

genau: denn das landgericht steht zwar in münchen, aber die justizverwaltung gehört ja zum land.

dann hat bayern aller welt gezeigt, wie die deutschen sind.

ja, die deutschen sind unfähig, weil sie unflexibel sind. sie können nicht mit einer besonderen situation umgehen.

welche denn?

dass es 300 voranmeldungen gab, allein von der presse – ich weiß gar nicht, ob die alle akkreditiert wurden.

und?

der gerichtssaal ist viel kleiner.

ist das so?

sicher – und dann gibt es ja noch 25 nebenkläger, da sind nicht nur die anwälte da, sondern auch die nebenkläger selbst.

und die mussten alle dann eingeklemmt anstehen?

aber ja – ich habe davon gehört und gesehen: ich finde das unglaublich.

so zeigt sich deutschland in aller welt?

aber ja: man hat fast den eindruck, hier war ein theaterregisseur wie schlingensief aktiv: er wollte einfach noch einen resthauch von angst und panik vermitteln, um noch einen resthauch des schreckens an die wartenden da, vor dem prozess, weiterzugeben.

was du immer denkst!

ich denke immer schräg und quer und geradeaus. dennoch: bayern hat sich total disqualifiziert.

vielleicht haben sie es auch extra gemacht, damit nicht alle von den wohlorganisierten deutschen reden … und von der todesmaschinerie, die nur so in deutschland durchgeführt werden konnte: sauber, geplant, ordentlich, minutiös. – widerlich!

ach, wenn es doch nur etwas davon stimmte. im kern ist es ein versagender obrigkeitsstaatlicher, dümmlicher apparat, der immer dann versagt, wenn dieser apparat neu gefordert wird. man erinnert sich voller wut an alle diktaturen der welt. sie funbktionieren, aber immer falsch, und immer gegen die menschen.

eine schande war das gestern jedenfalls.

eine große schande – und man kann es keinem journalisten verwehren, dazu die entsprechenden worte über das „deutsche wesen“ zu finden.

wobei es sich doch gestern so ineffizient zeigte. vielleicht müsste man sich auch darüber freuen, angesichts unserer grausam-perfekten geschichtsperformance.

wenn aber selbst alte menschen, KZ-überlebende, durch das eingepferchtsein in münchen am landgericht verhöhnt werden? kann das noch irgendwie gut sein?

nein, nein: schande über bayern und seinen justizapparat.

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