Monatsarchiv: März 2010

Zur natürlich weitergehenden Hannelore-Kraft-Hartz-IV-Debatte spricht KLAUSENS

oha, da hat es die hannelore kraft doch geschafft.

und die SPD auch.

sie waren dick in der presse, in den medien, überall.

man nennt das „eine debatte besetzen“.

aber die hatte doch schon westerwelle besetzt.

das ist die höchste form der politik: besetzte debatten ins eigene lager hinein nochmals neu zu besetzen.

das hat die hannelore kraft vollbracht.

wir wissen nicht, wo die strategen saßen, die diesen schritt sich ausdachten. es kann ja auch in berlin ersonnen sein.

dann ist die SPD wieder da!

die SPD? sie hat erst millionen von arbeitsverhältnissen entwertet, sie hat die arbeit selbst entwertet, sie hat die menschen der repression von ARGE und ARBEITSAGENTUR ausgesetzt, den kleinen schikanen, der willkür, den schlechtformulierten gesetzen, den sperrungen, den quälungen, den prozessen, alledem.

das hat die SPD getan?

aber ja doch: man sollte das nicht vergessen. niemals!

und nun?

nun kommt die SPD wieder daher.

ist es denn schlecht, wenn leute arbeiten?

nein, es ist nicht schlecht. arbeiten ist wohl meistens besser als depressiv auf dem bett zu liegen. (es darf aber keine zwangsarbeit sein. und keine schikanierung.)

na also!

so einfach geht es nicht. das problem bei der arbeit für den staat ist ja, wie kommt du wieder raus?

wie meinst du das?

es gibt einen wichtigen gedanken, den die leute immer übersehen.

welchen?

das ist der gedanke der „dequalifizierung“.

was ist damit?

du bist ingenieur und gehst nun die straßen fegen.

ist das schlecht?

im prinzip nicht. warum soll ein ingenieur nicht die straße fegen? aber …

was denn, aber …?

der ingenieur hat eine bessere ausbildung und könnte viel mehr für die gesellschaft leisten, gedanke nummer 1.

und gedanke nummer 2.

dieser ingenieur, wenn er sich einmal zum fegen entschlossen hat, und so eingesetzt wird … der ist verloren.

wieso ist der denn verloren?

… weil er dann ewig feger oder träger oder fahrer oder jobber oder so bleibt. gedanke nummer 2.

ach, das ist dein gedanke?

ja, ja, das ist ein wichtiger gedanke: wenn sich ein arbeitsloser mit qualifikation in einen nichtqualifizierten job begibt (sofern überhaupt einer da ist!), dann ist er auf dauer verloren, in einem anderen segment. denn die arbeitsagentur sagt. „da haben wir wieder jemanden untergebracht.“

und was ist dann?

der kommt nie mehr da raus – verstehst du! du bist in einem kerker des vergessens. ewiger jobber. ewiger feger. nie mehr ingenieur. – alle menschen sollen ja, auch das eine idee von HARTZ IV, schnell wieder arbeiten und werden dann in arbeitsverhältnisse getrieben (sofern überhaupt welche da sind!), die auch deutlich unter ihrer qualifikation liegen können / sollen / müssen.

und dann?

dann stecken sie da fest. eigentlich wird alle arbeit so dequalifiziert und der einzelne denkt: „jetzt sitze ich im loch des fegers, bin aber ingenieur, aber ich komme nie mehr dahin zurück!“

du meinst also, jede sinnvolle reform muss auch den weg wieder zurück anbieten? in die qualifizierten jobs? für qualifzierte arbeitnehmer? (meist schaffen sie es aber nicht, wegen der angedrohten strafen. und meist sind ja auch keine jobs da.)

genau: wenn ich weiß, ich kehre 6 monate, und ich tue es für die gemeinschaft, dann ist es vielleicht schön, wenn danach auch wieder der weg zurück in die berufliche welt meiner qualifikation erfolgen kann.

du meinst, weil alle arbeit dequalifiziert worden ist, von der SPD, deshalb weigern sich auch kluge menschen, bestimmte arbeiten anzunehmen.

so ist es – und darüber wird nicht gesprochen, weil es keiner hören will. in den statistiken geht es nur um die zahl der arbeitslosen, aber niemand möchte wissen, was das für arbeitsplätze das sind, wie viele stunden die umfassen, und wie die bezahlt werden. das alles wird sowieso verschwiegen.

und die SPD hat alles das begonnen?

genau – zusammen mit den  GRÜNEN. sie haben alle arbeit entwertet. und die menschen auch. aber jetzt tut frau kraft so, als hätte die SPD ihr herz für die menschen entdeckt, die langzeitarbeitslos sind.

dann ist die SPD gar nicht „gut“.

solange sie nicht ihre gesamte HARTZ-IV-politik seit schröder und herrn hartz offen aufarbeitet … und sich vor ganz deutschland entschuldigt … und alle fehlleistungen rückgängig macht … solange nicht!

von dir könnte die hannelore kraft noch so viel lernen, klau|s|ens.

komm wir fegen jetzt mal die straße!

da kommst du nie mehr raus! bedenke das! du fegst dich in dein berufliches ghetto.

das haben schriftsteller sowieso. das ghetto.

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Den HARTZ-IV-Vorstoß von SPD-Hannelore-Kraft in NRW findet KLAUSENS beschämend

klau|s|ens, jetzt spielt auch die SPD FDP.

die SPD spielt FDP?

nein, anders: frau kraft aus NRW spielt westerwelle.

so einfach geht es ja nicht. die SPD will etwas anderes.

was will sie?

die SPD will das scheitern ihrer eigenen politik dokumentieren.

inwiefern?

sie haben die löhne gesenkt und gesenkt, sie haben die zeitarbeit erhöht und erhöht, also vermehrt, sie haben alles getan, damit der arbeitsmarkt „flexibler“ wird. sie haben alles getan, um die arbeit zu verwahrlosen und ihres wertes zu berauben. sie haben alles getan, um das heer der hilfsarbeiter und kurzarbeiter und niedriglohnarbeiter zu vergrößern. eine armee armer menschen, die sich auf jeden billigen job stürzen. das hat die SPD gewollt und erreicht. schröder, clement, müntefering, steinmeier et al.

das war die SPD? sie war schuld? sie hat es getan?

das wird gerne vergessen, ja, ja. (übrigens haben DIE GRÜNEN auch mitgemacht.) man hat deshalb ja auch HARTZ IV eingeführt, um den druck auf den arbeitsmarkt in richtung verluderung zu erhöhen.

das war die SPD?

das wird gerne vergesse. ja, ja, die SPD hat so viel schaden eingerichtet. die „soziale SPD“ machte die asoziale arbeit fürs kapital (und das gern!) … und brachte den arbeitsmarkt zum schaden der kleinen leute „in bewegung“.

und nun?

nun sagen sie selber, dass es keine arbeit gibt und für viele auch nicht mehr geben wird.

die langzeitarbeitslosen?

eben, genau diese. „Wir müssen endlich ehrlich sein: Rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden“, so äußerte die sich gegenüber dem SPIEGEL, die hannelore kraft.

na, also, das ist doch, was ich sage. die ganze lügerei geht so nicht mehr weiter. die zahlen der arbeitslosigkeit sind ja eine reine lüge, weil viele menschen, die realiter arbeitslos sind, nicht erfasst werden. das muss man dazu mit bedenken. statt 3,5 kannst du direkt 5 millionen und mehr ansetzen. realiter.

dann will die SPD nun die geschändeten des kapitalismus auffangen, indem sie ihnen noch teilhabe an der gesellschaft ermöglicht?

so versucht kraft ihren vorschlag nun zu drehen, ja, ja. aber eigentlich will sie im HARTZ-IV-sumpf mitschwimmen, der die FDP von 8 % wieder auf 10 % hochschnellen ließ.

man will die „debatte besetzen“.

genau: und bei der FDP hat es so gut geklappt, dass plötzlich 8.000 talkshows über westerwelle und seinen bösen „sozialanschlag“ debattierten, dass es offenbar ein gutes rezept ist, um die politik im sinne von „öffentlichkeit“ zu beleben.

die SPD hat sonst nichts zu bieten?

die SPD hat alles das begonnen, woran wir nun leiden. die soziale frage wurde von der SPD in bewegng gebracht, im dienste des kapitals. schröder, clement und  mümtefering … und wie sie alle heißen.

ich finde die SPD beschämend.

ich auch, ich auch. und jetzt verstehen alle langzeitsarbeitslosen, dass sie jahrelang nur verhonepipelt wurden … und dass jeder brief von der ARGE eigentlich nur ein witz war, ein schlechter, um die leute „zu aktivieren“, damit sie dann 1000 unnütze bewerbungen schreiben.

alles ist ein lächerliches spiel!

genau: es gibt keinen anstand, keine wahrheit, sondern nur menschen, die von der politik instrumentalisiert werden. diese SPD ist …

lass es! lass es doch! ärgere dich nicht! dann hätte die frau kraft doch schon einen teil dessen erreicht, was sie will.

was denn?

aufmerksamkeit! nur das! – es soll nachher nicht heißen, die SPD NRW hätte lediglich von den sponsorschwächen der CDU profitiert. deshalb wird jetzt mit HARTZ IV rumgespielt, wie immer zum schaden der betroffenen.

gibt es eigentlich langzeitarbeitslose politiker?

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Die Sonne begrüßt KLAUSENS

oh, klau|s|ens, was sagt der große philosoph?

die menschen sehnen sich nach sonne. und nach frühling.

warum versteckst du dich hinter den „menschen“?

du hast recht. du hast recht. ich ja auch. ich sehne mich auch.

na, also. endlich mal ein beitrag zur neuen ehrlichkeit!

ich habe die sonne sogar heute LIVE gesehen.

na, super: endlich kommen die worte klar und bekennend.

und es war schön! wunderschön!!!

warum versteckst du dich jetzt hinter „es“? sprich doch mal von „ich“ oder „mir“. sei doch mal ganz direkt! schriftsteller können schon nerven.

ich find’ dich übrigens blöd, zweitklausens. du kommst mir zumindest verdammt blöd vor.

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Die Waschmaschinenvideos und KLAUSENS

sie sind nun da.

das wurde ja höchste zeit.

http://www.clipfish.de/video/3269251/klausens-waschmaschinenvideo-01-klausens/

http://www.klausens.com/waschmaschinenvideos.htm

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Weiter über die Plädoyers im Heinrich-Boere-Prozess in Aachen spricht KLAUSENs

klau|s|ens, du wolltest doch die plädoyers von staatsanwaltschaft und nebenklage nochmals revue passieren lassen.

ja, es waren die plädoyers von staatsanwaltschaft und nebenklage. am 2.3.2010.

was gibt es noch zu sagen? nach gestern?

zuerst möchte ich ein realgedicht einfügen.

ein realgedicht?

ja, ich sah die zeilen im justizzentrum aachen. sie stehen auf einer tür.

wo?

unten im erdgeschoss, raum 0.014, direkt an den bereich der cafeteria angrenzend.

wie lautet es? dein gedicht?

der titel ist von mir, der text ist real:

2 MAL 2 ODER GAR 3 BEDEUTUNGEN

Anweisungsstelle
Bitte einzeln eintreten

Copyright Klau|s|ens, in allen Schraibwaisen und Schreibweisen, u.a. als Klausens oder Klau§s§ens oder Klau/s/ens am 2.3.2010, Dienstag, Landgericht Aachen, Justizzentrum Aachen, Beschriftung im Gebäude A, Ebene 0, Raum 0.014.

du willst uns zeigen, wie die sprache schillert.

genau: „anweisung“ hat zwei konnotationen (und eigentlich ja auch „stelle“) … und „einzeln eintreten“ ja auch.

und das bei der justiz!

die justiz versucht rechtsverhältnisse sprachlich zu fassen, umkreist dann dieses und jenes, macht noch einen satz und noch einen rückbezug … und doch: wie schnell tappt man in seine eigenen fallen. allein: wie hört sich „anweisungsstelle“ überhaupt an, wenn man einem NS-mord-prozess beiwohnt. allein schon der klang! LTI – ich erinnere an LTI.

was meinst du?

LINGUA TERTII IMPERII – „LTI“, das buch von klemperer.

du hast so recht. – aber nun kommen wir doch zu den plädoyers. bzw. zu dem von rechtsanwalt heiermann.

ich hatte schon gesagt, dass es um „lebenslänglich“ geht, vielleicht auch um lebenslänglich bei besonderer schwere der schuld. heinrich boere soll nach den plädoyers jedenfalls lebenslänglich in haft.

ja, das wissen wir. aber was war denn nun 1984?

diesem jahr hat sich besonders der anwalt wolfgang heiermann gewidmet, er vertritt die angehörigen des ermordeten bicknese, er sprach auch direkt im auftrag von dolf bicknese.

was war denn 1984?

da hat man in dortmund in der zentralstelle zur verfolgung nationalsozialistischer verbrechen das verfahren gegen boere eingestellt. 1980 gab es ja ein auslieferungsersuchen aus den niederlanden.

zentralstelle?

die wurde gegründet, 2 x in NRW, köln und dortmund. in köln sollte man sich auf die verbrechen in KZ konzentrieren.

und weiter.

diese zentralstellen waren früher nicht so sehr effizient, insgesamt war die aufklärung der NS-verbrechen aus sicht der opfer und vieler kritiker nicht effizient, und wohl auch nicht wirklich wahrhaft gewollt.

wieso?

es gibt z.b. eine veröffentlichung „Juristische Zeitgeschichte Nordrhein-Westfalen – Band IX -:
Die Zentralstellen zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen – Versuch einer Bilanz
„. (2001, 96 Seiten.)

aha.

hier in kürze die essenz der veröffentlichung, zusammengefasst von dr. gerhard pauli, leiter der zentralen dokumentations- und forschungsstelle an der justizakademie des landes nordrhein-westfalen:

„Zu spät, zu wenige, zu milde“ – so wird häufig pauschal über die Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen durch die deutsche Justiz geurteilt. Gewichtige Fakten stützen diese Beurteilung. Erst Ende der 50er Jahre kam eine systematische Verfolgung dieser Taten in Gang. Die Zahl der rechtskräftig verurteilten Täter ist in Relation zu den bekannt gewordenen Verbrechen und den daraufhin eingeleiteten Ermittlungsverfahren verschwindend gering. Die häufige Verhängung zeitiger Freiheitsstrafen erscheint angesichts der angeklagten Mordtaten nicht angemessen. Der neue Band der Schriftenreihe „Juristische Zeitgeschichte Nordrhein-Westfalen“ widmet sich aus der Perspektive der Staatsanwaltschaft diesem Thema.

ich verstehe. und 1984 gab es auch noch diesen geist des zurückhaltens, des nichtbefassens, des wegschiebens, des nicht-wahr-haben-wollens, des die-täter-deckens.

offensichtlich. und rechtsanwalt heiermann nannte den namen von hermann weissing, der damals diese zentralstelle zur verfolgung von NS-verbrechen in dortmund als staatswanwalt leitete.

eben jener weissing war verantwortlich für die einstellung des verfahrens gegen boere?

genau das. und der weissing hatte ja argumentiert, dass diese erschießungen, die boere durchführte, diese morde, dass diese berechtigte repressalien gewesen seinen, nach der haager landkriegsordnung, und dass boere zudem unter befehl gehandelt habe.

dadurch war das verfahren dann zum erliegen gekommen.

so ist es: boere blieb weiter unbehelligt, bis die sache dann später unter einem neuen staatsanwalt, ulrich maaß, wieder aufgegriffen wurde. (boere war übrigens im rahmen dieses auslieferungsverfahrens 1983 kurzzeitig in auslieferungshaft. )

und rechtsanwalt heiermann hat auf diesen hermann weissing vorgestern im gericht in aachen hingewiesen.

ja, als ein beispiel für das versagen der deutschen justiz, wohlgemerkt 1984, da sind wir schon 16/17 jahre nach der APO-zeit, die ja dieses verschleiern der NS-verbrechen im deutschland der nachkriegszeit immer gebrandmarkt hatte.

ich sehe, ich sehe.

heiermann verwies darauf, dass jener staatsanwalt hermann weissing in seinem einstellungsbeschluss oder seiner einstellungsverfügung 1984 sogar ein völkerrechtslehrbuch von friedrich berber zitiert hatte. und jener berber wiederum war in der NS-zeit überaus aktiver rechtsgelehrter, also eine anhänger der nazis und aktiv in den NS-verbänden wie NS-dozentenbund oder NS- rechtswahrerbund. er war völkerrechtsexperte für außenminister ribbentrop und einer der begründer der expansionistischen völkerrechtsdefinition des nationalsozialismus.

und weiter?

heiermann verwies auch auf den fall von anton malloth, ein ganz schlimmer typus „schlächter“ im KZ theresienstadt, gegen den auch das verfahren eingestellt bzw. keine anklage eröffnet wurde, offenbar in den 70er jahren. damals hatte es z.b. geheißen, man könne malloth nicht ausfindig machen, wobei dieser ganz schlicht und einfach im telefonbuch von meran (tirol) in italien zu finden war. malloth war in der tschecheslowakei zum tode verurteilt worden, in abwesenheit, lebte bis 1988 in meran, unbehelligt, wurde 1988 nach deutschland ausgeliefert, wohnte dann wohl in pullach, etc.  – das verfahren gegen malloth wurde erst jahre später wieder aufgenommen, unter anderen vorzeichen, in münchen. 2000 dann begann das verfahren, 2001 das urteil zu lebenslang. (beim fall malloth, der für viel aufsehen sorgte, war bei der zentralstelle in dortmund der staatsanwalt klaus schacht wohl derjenige, der direkt unter beschuss geriet. bei der generalstaatsanwaltschaft in hamm wiederum war jener hermann weissing aber für die zentralstelle dortmund zuständig. weissing  war amtsvorgänger schachts als leiter der zentralstelle und wohl eng mit eben diesem schacht befreundet. das sind dann extra geschichten. der fall malloth führte zu vielen weiteren eklats und diskussionen in der BRD.)

dann bleibt es bei einer deutschen justiz, die unglaublich lasch und weich und seltsam destruktiv bisweilen daherkam?

so muss man urteilen, und das ging bis hinein in die 80-er jahre. so lange hielt so mancher schützend seinen arm über NS-verbrecher. und wer weiß, welche dieser menschen dann wiederum „anerkannte nachbarn“ waren. die welt kommt so seltsam daher. siehe doch nur diesen panaroma-bericht, wo hermann weissing zu groben versäumnissen im fall priebke befragt wird: PANORAMA vom 22.8.1996.

und darüber sprach heiermann? über versäumnisse der justiz? bei der aburteilung von NS-verbrechern?

genau: er nahm diesen boere-prozess, der ja nun endlich zustande gekommen ist, zum anlass, über die geschichte der deutschen justiz hinsichtlich der verfolgung von NS-verbrechen nachzudenken. (so ein plädoyer hat ja nicht unendlich zeit! man kann nur ein paar denkanstöße geben.) … und dieser hermann weissing, der nicht irgendein staatsanwalt war, sondern der in dortmund genau die stelle leitete, die NS-verbrecher anklagen sollte … der war eben auch so ein „besonderer fall“.

aber jetzt liegen die dinge doch anders!

das braucht keinen freudenschrei zu ergeben, weil es ja kaum noch lebende täter gibt, die man anklagen und verurteilen kann. viele sind straffrei verstorben. sie können da und dort gewohnt haben, als „brave bürger“, und sie sind ohne rechenschaft ablegen zu müssen dann als unbestrafte verbrecher in den tod gegangen. das wissen wir ja auch von mitgliedern des „kommando feldmeijer“.

das alles sei im prozess um heinrich boere zu bedenken?

das alles … und noch viel mehr. rechtsanwalt heiermann verlas dann für seinen mandanten dolf bicknese u.a. diese worte: „es wäre für euopa ein hohn gewesen, wenn ausgerechnet ein SS-mann als erster von den lissaboner verträgen profitiert hätte.“

was ist das denn nun wieder?

da geht es um eine weitere variante in diesem verfahren, und um einen beweisantrag der anwälte von boere, die mit hilfe des inkraftretens der lissaboner/lissabonner verträge (und der darin genannten nicht-mehr-möglichen doppelverurteilung in 2 ländern der unterzeichnerstaaten) ihren mandanten straffrei bekommen wollten und eine einstellung des verfahrens herbeizuführen gedachten.

mensch, was alles zu beachten und zu wissen und zu lernen ist!

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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Plädoyers für lebenslang im Heinrich-Boere-NS-Mord-Prozess in Aachen hört KLAUSENS

klau|s|ens, gestern wurde die beweisaufnahme geschlossen.

das verfahren gegen heinrich boere wegen mord in 3 fällen (so die anklage) geht zuende.

haben sie gestern schon die plädoyers gehalten?

ja, staatsanwaltschaft und nebenklage, also die anwälte im auftrag der hinterbliebenen der opfer.

die haben ihre forderungen gestellt?

es kam so, wie es zu erwarten war.

was war zu erwarten?

alle sagen, boere ist der 3 morde schuldig, an bicknese, kusters und de groot, als täter (in allen 3 fällen also.) – boere selber hatte die taten ja auch im prozess zugegeben.

und? was fordern sie? strafe?

sie fordern (3x) lebenslänglich = lebenslänglich – aber: a) die staatsanwälte forden lebenslänglich … und die nebenklage fordert b) lebenslänglich bei besonderer schwere der schuld.

- § 211 Mord
(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

das ist nicht das gleiche? lebenslang und lebenslang „bei besonderer schwere der schuld“?

nein, das das zweite wiegt noch schwerer, wenn so geurteilt wird. das hat dann etwas mit der mindesthaftzeit zu tun, also wann diese strafe „lebenslang“ erstmals so überprüft wird, ob der angeklagte eventuell bei besonders guter führung bei bewährung aus der haft entlassen werden würde können.

- § 54 Bildung der Gesamtstrafe
(1) Ist eine der Einzelstrafen eine lebenslange Freiheitsstrafe, so wird als Gesamtstrafe auf lebenslange Freiheitsstrafe erkannt. In allen übrigen Fällen wird die Gesamtstrafe durch Erhöhung der verwirkten höchsten Strafe, bei Strafen verschiedener Art durch Erhöhung der ihrer Art nach schwersten Strafe gebildet. Dabei werden die Person des Täters und die einzelnen Straftaten zusammenfassend gewürdigt.

- § 57a Aussetzung des Strafrestes bei lebenslanger Freiheitsstrafe
(1) Das Gericht setzt die Vollstreckung des Restes einer lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, wenn

1.
fünfzehn Jahre der Strafe verbüßt sind,
2.
nicht die besondere Schwere der Schuld des Verurteilten die weitere Vollstreckung gebietet und
3.
die Voraussetzungen des § 57 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und 3 vorliegen.

aber bei einem 88-jährigen mann! der wird doch kaum die mindestens 15 jahre bei lebenslang „ohne schwere schuld“ einsitzen!

ja, es geht bei diesen strafen kaum noch ums „absitzen“, sondern erst einmal darum, dass diese zustande kommen.

das ist das wichtige?

ja, insofern sind auch die aussagen der plädoyers selber interessant. also bewertungen zum NS-system des verbrechens und zum umgang der deutschen justiz eben damit.

dazu gibt es viel zu sagen?

sehr viel: denn die geschichte der deutschen nachkriegsjustiz bezogen auf NS-täter ist voller fehler, lückungen, deckungsabsichten, vertuschungen und auch von klientelpolitik von ehemaligen tätern und mitmachern des NS-systems. skandale! wie viele täter kamen davon?! wie viele lebten frei und unbehelligt sogar in der BRD?! wie viele hatten sogar „amt und würde“ im deutschland nach 1945!

aber es gibt doch nun diesen prozess!

genau das wurde gestern auch thematisiert – warum gibt es diesen prozess? die leute fragen doch immer. und gestern wurde eben deutlich, dass es zum einen direkt darum geht, dass die opfer bzw. deren hinterbliebenen etwas wie „genugtuung“ erhalten, weil die taten selber ja schon ihr leben schlimmst geprägt haben. aber diese befassung und dann bestrafung soll darüberhinaus zeigen, dass die gesellschaft das erkennt und die gerechtigkeit endlich wieder einer balance zuführen will.

das ist alles?

nein, die gesellschaft als solche legt rechenschaft ab, über ihr eigenes eingreifen und nichteingreifen. und zugleich wird gezeigt, dass sich kein mörder jemals sicher sein kann, auch verbrecher zukünftiger generationen nicht: jedes verbrechen gegen die menschlichkeit wird abgeurteilt werden, irgendwann, irgendwie. es gibt keine sicherheit für täter, zumindest dürfen sie sich nie sicher fühlen. auch diese botschaft ist wichtig. wir finden deshalb eine fülle von gedanken, die eine rolle in so einem NS-prozess des jahres 2009/2010 spielen.

aber heinrich boere ist 88 jahre alt.

gewiss, gewiss, und vielleicht wird er sich der haft entziehen können. gibt es eine revision des urteils (welches ja noch aussteht), dann dauert das ja auch wieder seine zeit. dennoch: die gesellschaft hat nun endlich einen status erreicht, wo sie diesen verbrechen ohne nachgiebigkeit gegenübertritt, aber zugleich die rechtsstaatlichkeit sehr hoch hält.

war das bei diesem verfahren so?

ja, das gericht wurde dafür auch gelobt, vom staatsanwalt. für die ruhe und umsicht und geduld.

und durfte die verteidigung agieren?

sie durfte. die verteidigung versuchte, mit vielen mitteln (und verfahrenstricks) die unschuld des angeklagten herauszustellen. ein hauptansatz: befehlsnotstand. und dieser begriff ist auch nicht ohne. deshalb hat der staatsanwalt tief in die „kiste der justiz“ gegriffen, grundsatzurteile hervorgeholt und sich mit diesem faktum befasst. er holte auch den einstigen US-ankläger kempner wieder herbei, der von der waffen-SS als einer verbrecherischen organisation gesprochen hatte. oder ein BGH-urteil von 1951. sätze wie „unter bestimmten umständen trifft den untergebenen die teilnahme“ wurden dementsprechend hervorgeholt. das sind ja juristische debatten, die über jahrhunderte unser verständnis von verbrecherischen staaten und organisationen und handlungen betreffen. das geht bis hin zu fragen, wer in einem krieg „berechtigt“ erschießen darf und nicht. darf die wehrmacht schießen, wenn ja wie? wie ist ein attentat von partisanen zu bewerten? das erlebt man ja heutzutage beim afghanistankrieg, wo es um die definition von krieg geht. führt die bundeswehr dort krieg?

was sagte der staatanwalt noch?

er bewertete, was wir alles aus den zeugenaussagen wissen, die schriftlich vorliegen, weil die beteiligten (bis auf einen, der ja per video von rotterdam aus vernommen wurde) alle längst verstorben sind. er kam zu dem schluss: boere hat sich nicht bemüht, von diesen befehlen freigestellt zu werden. oder versetzt zu werden. nichts spricht dafür. kein anzeichen. kein indiz. – auch ich denke: boere war ein täter des wollens, nicht des müssens.

und die anwälte der opfer bzw. derer nachkommen?

die sind dieser linie noch viel stärker gefolgt. sie wiesen darauf hin, dass boere für sie ein täter aus überzeugung war, der die taten gewollt hat. der die taten aus überzeugung tat. der früh zur waffen-SS ging, früh in den/die NSB, etc. – und der ja nicht umsonst zum hauptscharführer noch befördert wurde.

wie soll man mit diesen dingen umgehen?

das wird alles noch zu klären sein. wir haben nun die strafanträge und die plädoyers der staatsanwaltschaft und der nebenkläger. wir erwarten die stellungnahme der anwälte von boere. diese werden wieder die idee des befehlsnotstandes hochhalten. und dann erwarten wir das urteil.

und?

morgen werden wir uns u.a. noch mit dem aufhebungsschluss („einstellungsverfügung“) von 1984 befassen. ein eigener skandal der deutschen justiz. darauf wies die nebenklage in ihren ausführungen hin.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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Vor den Plädoyers im Heinrich-Boere-NS-Prozess in Aachen spricht KLAUSENS

klau|s|ens, der prozess gegen heinrich boere nähert sich dem ende.

ich weiß, ich weiß – aber wir wissen nichts.

wir haben doch einiges erfahren.

sicher, viele bruchstücke, aber immer nur aus den dokumenten. es ist aber ein täter anwesend, der uns vieles erzählen könnte, wenn ihm die 88 jahre lebenszeit nicht dabei hinderlich sind.

ist dir nichts aufgefallen?

was?

der prozess vergisst die schrecken.

tut er das?

man sitzt da, man hat einen raum, es ist geheizt, der regen bleibt draußen, der angeklagte wird medizinisch betreut. vor dem gerichtssaal ist die cafeteria, wo ich mir jederzeit café holen kann. oder ein belegtes brötchen.

was willst du sagen?

es ist die routine von raum und akten und aussagen. die verbrechen kommen vor, aber sie kommen auch nicht vor.

und weiter?

der angeklagte ist da, aber er ist auch nicht da.

wo ist er denn?

er sitzt da, aber er redet ja nichts. irgendwann guckt man gar nicht mehr hin. es ist ein prozess, der eigentlich ohne den angeklagten stattfindet. er sitzt da, aber man nimmt ihn kaum noch war. man hat sich an den menschen im rollstuhl gewöhnt wie an einen alten schrank im keller.

dann verschwinden die verbrechen?

irgendwie ja. sie werden verlesen, wenn protokolle von verhören verlesen werden. aber die verbrechen sind gar nicht so schlimm, wie sie waren. alles bekommt etwas geglättetes. es bleibt der text. und der ist auch schon seltsam verkürzt. jedes polizeiprotokoll ist eine verkürzung des geschehens.

das ist die gefahr!

genau: es ist die gefahr. alles scheint normal. da ein mord, hier ein mord, mal im september 1944, mal in einem anderen monat. so war es eben. die dinge drohen, beliebig zu werden.

du möchtest aber, dass man sich erinnert, dass es verbrechen waren.

ja, aber zugleich weiß ich, dass die justiz nur „überleben“ kann, wenn sie die gefühle aus all den dingen wieder rausnimmt. „recht sprechen“ ist schwer, wenn man „aufgekocht“ ist.

also, was willst du nun?

ich meine nur: boere verschwindet. die taten. der täter. der schrecken. du musst dir mal vorstellen, gleich klingelt einer bei dir, oder zwei, fragen dich nach deinem namen … und dann schießen sie auf dich.

und andere schreien. diejenigen, die zeugen der taten sind. kinder verlieren den vater. frauen den ehemann. es ist grausam.

genauso: das ist grauslich. und egal, ob es nun 48 oder 50 oder 54 erfolgreiche bzw. versuchte silbertannen-morde waren. diese ganze aktion ist und war bösartig und unmenschlich.

ich weiß.

genau das aber sollte in so einem prozess nicht in vergessenheit geraten. mord ist kein bagatelldelikt. man denkt ja oft: die haben so viele menschen dann vergast, da ist ein gewöhnlicher mord eine andere kategorie. man stellt seltsame vergleiche an.

die schrecken des nationalsozialismus hatten so gigantische ausmaße, dass man dazu neigt, alles falsch zu relativieren.

genau so. ich wünschte mir, dass wir uns das alles vor augen halten und nicht in diesem gewirr von akten und aussagen und protokollen und einem ewig schweigenden heinrich boere allesamt in der (vermeintlichen) belanglosigkeit der verbrechen untergehen.

„belanglosigkeit der verbrechen“?

nein, nein, ich meine es nicht so. sie sind NICHT belanglos. ich meine es so, dass man nach vielen prozesstagen als prozessbeteiligter und als zuschauer so empfinden kann: ach, diese verbrechen da! man wird routiniert und abgestumpft.

dann ist abstumpfung eine gefahr für uns alle?

aber ja, zumal jeden tag neue verbrechen passieren. und diese NS-verbrechen waren so zahlreich und so viele. wenn ein gefangener fast tot getrampelt wird, auf dem hof eines KZ … dann ist das eine abscheuliche und widerliche tat. das ist quälerei und folter und so … und man sollte das nicht kleinreden, weil es noch so viel schlimmere und abscheulichere dinge unter der NS-herrschaft gegeben hat. dieses relativitätsproblem umgibt alles. dabei ist schon ein einziger von menschen an anderen menschen zugefügter schmerz etwas bösartiges.

ich denke, wir haben deinen kerngedanken nun verstanden. man neigt dazu, schlimmste verbrechen als weniger schlimm anzusehen, weil es ja noch diese unvorstellbar inhumane „endlösung“ gab. das allerschlimmste! das systematische ausrotten einer ganzen volksgruppe!

danke. ja, ja, du verstehst mich. am liebsten wäre mir, boere würde alle seine erinnerungen zusammenrufen und dann in aller wahrhaftigkeit eines 88-jährigen alles erzählen, was er tat und was er wusste. alles auspacken. reden, reden, reden. wie bei einer beichte. alles raus! würde er wahrlich bereuen, was er tat, und würde er das wahrlich auch zum ausdruck bringen, wäre das noch besser und passender.

du meinst, mit blick auf die kommenden generationen.

ja, denn denn die aufklärung von heute dient teils dazu, an die opfer und deren angehörigen einen kleinsten (mini)teil von einer art „wiedergutmachung“ zu geben. (es lässt sich ja nichts wiedergutmachen! aber man kann die narben etwas schneller heilen lassen, wobei solche narben niemals weggehen. höchstens weniger schmerzen.)

und wozu dienen die urteile noch?

dass die nachgeborenen solche verbrechen NIE MEHR begehen … oder zulassen, dass sie begangen wären.

ja, auch das hoffen wir immer. und doch: der spuk geht irgendwann immer von vorne los. ganz so optimistisch wie du kann ich kaum sein. rohe gewalt findet leider immer wieder nachahmer und fürsprecher.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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