Tagesarchiv: Dezember 9, 2009

Das Geständnis im Heinrich-Boere-Prozess zu NS-Kriegsverbrechen in Aachen erlebt KLAUSENS

klau|s|ens, er hat die morde gestanden?

ja, das war gestern überraschend. man überlegt sich, was die verteidigung noch so alles macht, damit der prozess inhaltlich nicht in fahrt kommt … und nun ist schon das geständnis da.

das ist doch großartig!

ist es so? wenn jemand gesteht, aber man denkt, es ist ein klinischer prozess. und man spürt keine reue, keine scham, kein nichts?

war das so?

er selber hat sich ja gar nicht geäußert.

der heinrich boere?

nein, die anwälte haben für ihn etwas verlesen, bzw der eine von den beiden anwälten. boere saß in seinem rollstuhl, sagte aber nichts. er wollte sich auch nicht weiter zu fragen stellen hernach, wie dann seine anwälte nach der pause noch erklärten.

und was war das? was man verlas?

das war das geständnis der 3 morde, um die es in dem prozess geht. er hatte diese ja schon vor jahren eingestanden. aber nun hat er sie nochmals eingestanden. inhaltlich nichts neues, aber es ist ein geständnis. damit entfallen viele lange indizienketten, um die taten nochmals nachzuweisen, die aber schon (auch durch viele verhöraufzeichnungen und -protokolle) hinreichend bewiesen sind.

wird das eine genugtuung für die hinterbliebenen der drei opfer sein? für die nachgeborenen von de groot und bicknese und kusters?

genau daran muss man zweifeln, denn es wurde eigentlich ein kühles papier verlesen, also wie eine akte. auch die taten wurden da sehr nüchtern angegeben. und die einzigen angaben, die etwas von nachdenklichkeit hatten, also eine minimalspur, das waren die, als der angeklagte – per papier – sagte, aus heutiger sicht würde er die dinge anders sehen als damals.

aber das machen alle menschen.

eben. und jetzt hat der prozess ja eine ganz andere farbe bekommen.

welche denn?

nun geht es nicht mehr um die morde als solche, sondern um die frage, ob der mörder ein mörder ist.

wie kommst du darauf?

weil das so gesagt wurde: er musste diese taten begehen. er war damals überzeugt, er würde gegen widerstandskämpfer und aufständische agieren. und als soldat war er dazu verpflichtet, befehle zu befolgen. undsoweiter undsofort. dieser strang der argumentation!

also wäre die strategie: soldaten müssen gehorchen. und wieso kann man solche leute dann für mord belangen?

so in etwa. es geht also um das prinzip von befehl und gehorsam. dann geht es um den unterschied, ob ein gefreiter an der ostfront in der schlacht einen oder zwei oder drei russen erschießt, oder ob ein angehöriger der waffen-SS bzw. der „Germanischen SS in den Niederlanden“ (formal zwei eigene organisationsformen!), ob so jemand – der sich ja freiwillig zur waffen-SS meldete, als niederländer !!! – auch wie ein „normaler“ soldat zu behandeln ist.

das ist nun die kernfrage?

ja: ist mord gleich mord gleich mord? oder ist alles das gleiche, weil ja krieg war. oder hat niemand etwas getan, außer dem höchsten befehlshaber?

dann wäre doch die nächste frage, ob auch die „normale“ wehrmacht als „gut“ und die „waffen-SS“ als böse eingestuft wird.

man spricht dann von „verbrecherischen organisationen“. aber die waffen-ss, das waren ja – als so gewollte verbrecher und untäter – zugleich auch kämpfende truppen an der front. sie waren also auch ein teil der wehrmacht, aber organisationstechnisch wiederum auch eigenständig. (und das muss man jetzt noch für jede abteilung oder division, wie bei boere z.b. im osten bei „WKING“, genau untersuchen. aber das betrifft jetzt auch wiederum die kämpfende front.)

und die wehrmacht war ja auch nicht „gut“.

oh nein, das haben uns die eltern immer erzählt: anständige soldaten gegen böse bolschewiki und alles dieses. die bösen waren die NAZIs … und alle deutschen haben einfach nur in der wehrmacht gekämpft. seit der heiß diskutierten wehrmachtsausstellung wissen wir endlich mehr von den verbrechen, die eben von der wehrmacht auch begangen wurden. der „saubere untadelige offizier“, der war oft nur ein gerücht.

das macht alles etwas schwierig.

ja, sicher: man muss wieder definieren und grenzen ziehen und bewerten. aber damit haben ja die nürnberger prozesse schon begonnen.

ist das bei boere schwer? das einordnen der morde?

er sagt ja: er habe befehle befolgen müssen. hätte er diese nicht befolgt, wäre er selber erschossen worden. das sind diese befehlsketten, hinter denen sich immer alle verstecken.

dann sagen aber andere: an dieser oder jener stelle konnte man gut abdanken, kündigen, weglaufen, desertieren … ohne dass etwas passiert ist.

sicher, das ist dann zu untersuchen. und es ist ja auch schon untersucht worden.

ich denke auch, es ist wichtig, ob jemand in einen funktion gezwungen wurde oder nicht.

ja, diese waffen-SS-sache hat eine dynamik, die bis zu unserem schriftsteller grass reicht. dann gibt es sogar diskussionen, ob leute gegen ihren willen plötzlich für die waffen-SS gezeichnet wurden (ob das tatsächling ging, z.b. gegen kriegsende). bei dem kabarettisten dieter hildebrandt ging es sogar um die frage, ob man gegen seinen willen plötzlich ein NSDAP-mitglied sein konnte.

aber unser boere hat doch nicht an der front gemordet.

das stimmt: die besetzten niederlande sind nicht mehr klassisch „die front“. außerdem gehörte er ja zu einem geheimkommando, welches die mord-verbrechen in zivilkleidung ausführte. man muss sich das also eher wie eine geheimpolizei vorstellen, die in den niederlanden einfach leute aufsucht … und dann erschießt. mafiaähnlich. kommen, schießen, wieder weg!

teunis de groot hatten sie in unterhose angetroffen, hinter der haustüre, wo er eine klappe geöffnet hatte.

und der musste noch seinen ausweis holen, bevor sie den erschossen.

ich denke, dass diese taten von der anlage ganz kaltblütige morde waren.

da gebe ich dir recht. aber jetzt sage ich dir ein anderes beispiel.

welches?

man hört, dass es einen tanklastwagen mit partisanen gibt.

und?

man tötet alle menschen um den tanklastwagen. (was ist überhaupt ein „partisan“?)

und?

genau das hat die bundeswehr in afghanistan gemacht. in einem krieg, der ewig nicht so bezeichnet wurde.

du meinst, die haben die amerikanischen bomber angefordert …. und dann sind viele menschen umgekommen, darunter auch viele zivilisten.

genau: da haben wir die debatte heute: a) was ist krieg? b) was ist im krieg erlaubt? c) wann ist ein mord ein mord im krieg? d) was gilt als „kriegshandlung“? e) wann wurden grundsätze des „normalen“ krieges überschritten?

das ist eine schreckliche debatte.

ich weiß, aber diese dinge sind fortwährend zu klären. dafür haben wir die haager konvention. aber der prozess der klärung muss immer weiter gehen. das hat auch eine ethische dimension.

ich denke, man braucht klare grenzen und muster.

das denke ich auch: deshalb muss einfach die rolle der SS in den niederlanden, und ihre funktion nochmals aufgerollt werden, damit man ganz klar hat, was eine „normale“ besatzung ist (ist das nicht schon ein unrecht per se?), und was eine verbrecherische organisation ist.

aber das ist für die SS doch geklärt.

sicher, aber man muss es bis in alle details immer wieder aufrollen. vielleicht wird das ja in diesem prozess noch geschehen. (mir fällt ein: wir haben ja in unserem heutigen recht das konstrukt der „kriminellen vereinigung“, z.b. für die RAF.)

ach, klau|s|ens, dann müssen wir ja noch viele male ins gericht, wenn alles solches aufgerollt wird.

alles wohl nicht. aber etwas. sie haben auch zusätzliche gerichtstermine jetzt festgelegt, zweitklausens, bis februar 2010.

ach – und unsere gedichte?

die gehen immer weiter: http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

und das ende der verbrechen?

du stellst naive fragen!

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