Tagesarchiv: Januar 9, 2010

Vom Heinrich-Boere-Prozess in Aachen als Weitergang berichtet KLAUSENS

hey, klau|s|ens, der prozess geht weiter und weiter.

aber sicher: gestern war schon verhandlungstag 12.

und?

man ärgert sich, weil man hinfährt, dann 3 pausen erleben muss, binnen circa zwei stunden, und hat eigentlich nichts anderes getan, als „einen prozess besucht“. außerdem war die lautsprecheranlage so eingestellt, dass man gar nicht atmen durfte, wenn man die worte verstehen wollte. das macht einen dann noch ärgerlicher. so eine provokant leise lautsprecheranlage!

inhaltlich?

es wurde ein brief verlesen, von hans albin rauter, ss-führer der niederlande, chef der dortigen polizei auch (die formalen titel sind teils sehr komplex. ein extra thema! rauter war z.b. SS-obergruppenführer (1943), general der polizei (1943) und auch der waffen-SS (1944) sowie höherer SS- und polizeiführer (HSSPF) der besetzten niederlande. Er war also multifunktional … wie viele NS-obere), an himmler, seinen oberen in deutschland.

ein brief?

ein brief vom 13.1.1944. und die kurze antwort himmlers (reichsführer SS u. chef der polizei u. innenminister ab 1944. und … und … und …) vom 25.1.1944. (man erkennt: es gab auf jeden fall dicken knatsch zwischen dem generalstab der wehrmacht in den niederlanden und den direkten NS-organisationen samt der ihr zugeordneten polizei: konkurrenz und kompetenzgerangel, wahrscheinlich auch gegenseitige abneigungen. ein eigenes gebräu.)

dazu bist du nach aachen gefahren, zum landgericht?

aber ja, aber ja. die verteidigung wollte das verlesen des dokumentes nicht, weil die vorliegende dokumenten-fassung ihr nicht gefiel. da geht es dann um fragen, ob eine kopie der kopie, oder das dokument als verschriftlichtes (in welcher form denn auch!) noch so ansehbar ist, dass es als glaubwürdig in einen prozess eingeführt werden kann und darf. da geht es auch um streichungen, fußnoten, und ob diese dann dem realen dokument noch entsprechen. gewiss, nicht unwichtig, aber auch nervend. weil es doch um die inhalte geht. das andere kostet viel wichtige zeit für die inhaltliche bearbeitung und aufarbeitung der verbrechen von boere und der SS und der waffen-SS und den sonderkommandos der SS. all das.

und das alles erbrachte 3 pausen?

sicher, insgesamt 3, wobei wir bei einer (es wurden kopien gemacht) im saal sitzen bleiben durften. bei zweien mussten wir aber raus.

und den brief von rauter und die kurzantwort von himmler hättest du dir auch aus einem band mit dokumenten holen können? einem gedruckten?

wahrscheinlich. aber die quellen müssen natürlich auch greifbar, also ausleihbar sein. für mich als normalbürger. – und bei einem prozess geht ja auch um die StPO (z.b. § 249), wonach die dokumente und dinge in den prozess (ich sage mal: „eingebracht“, also) verlesen werden müssen, um bestandteil des prozesses zu werden.

und dann war’s vorbei.

ja, man fährt zum prozess, man fährt wieder weg. man hat kaum etwas erfahren. 1 langer brief, ein ganz kurzer. und doch war es wieder ein verhandlungstag.

die pausen machen alles so langatmig?

und dafür dann: rein in den saal, raus aus dem saal. ja, diese pausen – besonders wenn man den saal wieder verlassen muss. das nervt. man kommt inhaltlich ja gar nicht weiter, nur prozesstagsmäßig.

aber jeder prozess hat doch auch höhepunkte, bei all der abzuarbeitenden normalmasse.

höhepunkte? kommenden freitag wird es ein videoverhör (aus den niederlanden in den gerichtssaal) mit einem mittäter von boere von einst geben. das wird dann viel aufmerksamkeit – auch der medien – erfahren. es wird vielleicht interessant sein, zu erfahren, wie einer, der die strafe für diese morde schon abgesessen hat, heute die dinge sieht.  vielleicht sagt er aber auch kaum was. mal abwarten.

aha.

dennoch: zäh. zäh, durch alle diese juristischen kleinauseinandersetzungen. — eine vorlesung an der uni zu der thematik, von einem ausgewiesenen fachhistoriker, brächte bisweilen mehr zu den boere-SS-untaten bzw. der bewertung dieser untaten … als diese verfahrensscharmützelchen. man verplempert wichtige zeit. juristerei hat viel mit geduld zu tun. zähigkeit. ruhe bewahren. zielstrebig bleiben.

ja: das unwichtige überstehen, das wichtige nie aus dem auge verlieren.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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