Tagesarchiv: Januar 17, 2010

Noch etwas zur Zeugenvernehmung im Prozess gegen Heinrich Boere schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, du wolltest noch etwas nachschieben, zu dieser vernehmung von freitag?

ja, denn es geht ja in dem prozess gegen heinrich boere in aachen wegen NS-kriegsverbrechen (oder auch NS-verbrechen) nun auch um die frage, „befehlsnotstand“ oder nicht.

seitdem boere die morde zugegeben hat (3 an der zahl), geht es in dem prozess nur noch um die bewertung der taten. „nur noch“ sei in anführungszeichen zu verstehen.

was wollte man dann von dem anderen, diesem jacobus peter bestemann aus rotterdam, wissen?

dieser zeuge erinnert sich, wie wir gestern schon sagten, absichtsvoll oder absichtslos an kaum etwas. seine aussagen von freitag sind also mit großer vorsicht aufzunehmen.

du meinst, alte protokolle von verhören in den niederlanden von 1945 oder 1946 oder auch 1949 sagen mehr?

gewiss. aber dennoch wurde am freitag dieser lebende zeuge im alter von 88 jahren befragt, der ja ein bereits verurteilter mittäter ist.

aber was kann man fragen?

genau das war zu spüren: man fragte nun sehr oft um den neuen kern herum. man fragte, ob er so handeln musste, ob er so handeln wollte. aber diese fragen waren sehr weiträumig, kreisend, vorsichtig, dezent nachbohrend, aber überaus klug und bewusst.

was kann man fragen?

folgendes:

– haben Sie selber jemals repressalien erlitten, weil Sie in diesem kommando feldmeijer waren?

– hat man Ihnen jemals angedroht, Sie würden in ein konzentrationslager kommen, wenn Sie die befehle nicht befolgen?

– haben Sie gehört, dass irgendwelche mitglieder des kommandos feldmeijer bedroht wurden?

– mussten Sie die befehle ausführen?

– was hat man Ihnen angedroht, für den fall, dass Sie die befehle nicht ausführen?

– hat man Ihnen etwas angedroht, falls Sie die befehle nicht ausführen?

– hatten Sie angst, die befehle auszuführen?

– wer gab denn überhaupt die befehle?

– sind Sie selber jemals bedroht worden?

– wollten Sie die befehle ausführen?

– ist Ihnen bekannt geworden, dass einem angehörigen des kommandos feldmeijer etwas angetan wurde, weil er einen befehl nicht ausführen wollte?

– hatten Sie angst, dass Ihnen etwas passiert, falls Sie diese morde nicht begehen?

und so weiter – man kann so etwas alles fragen und fragen und fragen. jede frage mit einem anderen tonfall. und fragen dieser art hörten wir am freitag.

und die einen fragen anders als die anderen.

eben: die staatsanwaltschaft (und die nebenklage) fragt mehr so, dass wohl nichts passierte (und auch nichts passiert ist), wenn man diese untaten nicht ausführte. und die verteidigung von boere fragte eher so, dass es ein „befehlsnotstand“ gewesen sei.

beide seiten sind also interessengesteuert. in ihren fragen.

es geht ja um den prozesskern. dennoch fragen beide seiten eher neutral – aber man merkt dann doch, worum sich die fragen drehen.

was hat bestemann denn dazu gesagt?

er hat etwas gesagt wie: ich musste es tun. und etwas wie „alle waren bang!“ (alle hatten angst!). aber das war doch sehr vage. und dass jemand in ein KZ gekommen sei, weil er befehle der waffen-SS nicht ausführte, davon hatte er auch nichts gehört.

dann gab es diese vorfälle wahrscheinlich nicht.

wahrscheinlich haben alle brav und wissentlich und wollend die befehle ausgeführt, weil sie sich auch mit diesen befehlen identifiziert haben. die haben sich ja auch mal freiwillig zur waffen-SS gemeldet. sind dann in den krieg gezogen, kamen verletzt zurück in die niederlande. und dort haben sie dann an den morden gegen antideutsche „widerständige“ niederländer mitgemacht. (bestemann tat so, als wäre er dann 1944 zum kommando feldmeijer zwangsverpflichtet worden … und hätte gar keine andere wahl gehabt, als da mitzutun.)

dann sind wir beim alten klassiker: was ist schuld? wann fängt sie an? was ist verbrechen? wann fängt es an? wann ist eine organisation verbrecherisch? ab wann werde ich zum verbrecher? was bedeutet es, sich freiweillig so einer organisation anzuschließen? und gilt das „freiweillig“ auch noch 3 jahre nach dem eintritt – oder kann man dann behaupten: „ich kam da nicht mehr raus!“ ???

so in etwa wollte bestemann in seinen vagen äußerungen am freitag die dinge erscheinen lassen.

der richter fragte ihn auch nach einem mann wie van den berg. das war wohl einer aus der feldmeijer-truppe, der dann auf einmal verschwunden gewesen sein soll. so konnte man wohl den akten entnehmen oder den verhören von damals. dieser van den berg soll dinge rumerzählt haben, die geheim bleiben sollten. und dann soll er verschwunden sein. aber selbst dazu, was ihn – bestemann – ja eventuell hätte entlasten können, wusste er nichts rechtes zu sagen.

dannn blieb es bei einem überaus allgemeinen „da waren wir bang voor!“ (da hatten wir angst vor.), für den fall, dass man aktionen nicht ausführte … und was dann eventuell mit einem passieren konnte.

ja, wie ich schon sagte: die aussagen von bestemann am freitag hatten eigentlich keinerlei aussagekraft, außer der, wie man im alter die dinge verklären will, die man als junger mann beging … und zu denen man sich schon sehr dezidiert mal geäußert hatte … und für die man dann ja auch verurteilt worden war … und für die man 13 jahre in haft saß.

was sagt uns das?

schon beim nächsten prozesstermin kann es zum beginn der plädoyers kommen. es geht also um die bewertung der mitgliedschaft in einer verbrecher- und mörderbandengruppe wie „kommando feldmeijer“ als teil der SS/waffen-SS in den niederlanden. waren das arme zwangsrekrutierte oder bewusst und aktiv handelnde untäter? was stimmt mehr? welche bewertung der historischen fakten ist die glaubwürdige(re), nach allem, was man bislang weiß?

und was wird dann?

es bleibt die frage: wird das gericht boere wegen der morde nun verurteilen? – oder werden diese morde als militärische zwangshandlungen eines armen irregeleiteten waffen-SS-rekrutierten bewertet? oder liegt es dazwischen? irgendwo? war boere überzeugter mordender im dienste eines wahnsinnigen NS-unterdrückungssystems oder ein fremdbestimmter zwangshandelnder, der lieber friede, freude, eierkuchen für alle menschen gehabt hätte?

du wirst ironisch! – und bedenke: boere war ja kein SS-oberboss!

eben, das kommt ja noch hinzu: wir bewerten hier die taten niederer dienstränge.  dennoch: es bleiben taten. es bleiben heimtückische, bösartigste morde. es muss immer jemand schießen, in diesen befehlsketten.  und ein SS-sonderkommando ist etwas ganz anders … als ein infanteriestoßstrupp.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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