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Zum NS-Mord-Prozess um Heinrich Boere und das 7-Jahre-Plädoyer der Verteidigung schreibt KLAUSENS

ach, klau|s|ens, gestern also die plädoyer der verteidigung. was fiel auf?

sie wollen keinen freispruch. bzw. sie sehen, dass es einen solchen nicht geben kann. (zugleich wollen sie immer noch die einstellung des verfahrens.)

keinen freispruch? wieso?

… weil die taten zugegeben sind, und ganz offensichtlich. da kann man nicht mehr freispruch fordern.

AUSZUG AUS DEM STRAFGESETZBUCH:

§ 211 Mord

(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer
aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen tötet.

§ 212 Totschlag

(1) Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.
(2) In besonders schweren Fällen ist auf lebenslange Freiheitsstrafe zu erkennen.

§ 213 Minder schwerer Fall des Totschlags

War der Totschläger ohne eigene Schuld durch eine ihm oder einem Angehörigen zugefügte Mißhandlung oder schwere Beleidigung von dem getöteten Menschen zum Zorn gereizt und hierdurch auf der Stelle zur Tat hingerissen worden oder liegt sonst ein minder schwerer Fall vor, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.

dann war es also mord? 3 x mord? mord an den opfern kusters, de groot und bicknese? 3 untaten? und für die wird heinrich boere nun verurteilt? boere, der niederländer als „repressalmaßnahme“ abschoss, weil sie dem widerstand als nah galten und die deutsche besatzung nicht wollten? boere, der für die SS aktiv war? und zuvor für die waffen-SS? und für den/die NSB?

die verteidigung sieht es anders: sie sieht die idee der „arglosigkeit des opfers“ in einem fall nicht gegeben.

„arglosigkeit“?

ja, ja, das rechtssystem muss ja entscheiden, ab wann ein mord ein mord ist, und was zu einem mord gehört. und neben der „heimtücke“, die man kennt, oder den „niederen beweggründen“, von denen man schon hörte, gibt es auch eine idee der arglosigkeit. ich zitiere juraforum.de:

>>Dabei sind folgende Gruppen der Mordmerkmale zu unterscheiden:

1.

Besonders verwerflicher Beweggrund

*

Mordlust

Mordlust ist die Freude an dem Töten eines Menschen.

*

zur Befriedigung des Geschlechtstriebs

Zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs tötet, wer durch die Tötung sexuelle Befriedigung erlangt oder sich an der Leiche befriedigen will, sowie der Täter, der im Rahmen einer Vergewaltigung den Tod des Opfers in Kauf nimmt.

*

Habgier

Habgier ist die Steigerung des Erwerbssinns auf ein ungewöhnliches und unsittliches Maß.

*

sonstige niedrige Beweggründe

Sonstige niedrige Beweggründe sind Beweggründe, die nach allgemeiner sittlicher Wertung auf tiefster Stufe stehen und nach allgemeinen Wertmaßstäben besonders verachtenswert sind.

2.

Besonders verwerfliche Art und Weise

*

grausam

Grausam tötet, wer dem Opfer aus gefühlloser, unbarmherziger Gesinnung besondere Schmerzen und Qualen zufügt, wobei dies auch seelische Qualen sein können.

*

gemeingefährlich

Mit gemeingefährlichen Mitteln tötet, wer zur Tötung ein Mittel einsetzt, dessen Wirkungsweise er nicht beherrscht. Ausschlaggebend ist nicht die Art des Mittels sondern die Beherrschbarkeit durch den Täter. So kann Brandstiftung ein gemeingefährliches Mittel sein, muss es aber nicht, wenn der Täter die Ausdehnung des Brandes objektiv beherrscht.

*

heimtückisch

Heimtückisch tötet, wer bewußt die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausnutzt.

3.

Besonders verwerflicher Zweck

*

Absicht, eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken

Dabei muss es sich nicht um die eigene Tat des Täters handeln, erforderlich ist jedoch, dass es sich um eine Straftat handelt, nicht ausreichend ist eine Ordnungswidrigkeit u.ä. Es muss sich nicht um die alleinige Absicht handeln, aber sie muss doch der wesentlichste Grund für die Tötung sein.

Grundsätzlich reicht die Verwirklichung eines Mordmerkmals für die Erfüllung des Mordtatbestandes aus. Hinsichtlich des Mordmerkmals Heimtücke ist aber seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungsmäßigkeit der lebenslangen Freiheitsstrafe bei Mord (BVerfG 21.06.1977 – 1 BvL 14/76) anerkannt, dass dieses Merkmal einer restriktiven Interpretation bedarf. Mit anderen Worten: Nicht jede heimtückische Tötung erfüllt die Tatbestandsmerkmale eines Mordes sein. Vielmehr müsse der Heimtücke zugleich der Makel der Verwerflichkeit anhängen, was etwa bei einem verwerflichen Vertrauensbruch der Fall ist. Demnach kann trotz heimtückischer Tötung Mord ausgeschlossen sein in Fällen, wo eine feindliche Willensrichtung fehlt (Mitnahmesuizid) oder bei Vorliegen einer notstandsähnlichen Situation (Tyrannenmord).

Das Motiv der „Blutrache“ ist nach der Entscheidung BGH 10.01.2006 – 5 StR 341/05 grundsätzlich als ein niedriger Beweggrund anzusehen.<<

und nun?

nun kommt die kunst der verteidigung: weil in einem fall das opfer mit dem auto weggefahren wurde, und dann beim halt zu fliehen versuchte, aber bei diesem halt auch erschossen wurde, weil ja alles absichtsvoll war … weil dem aber so war … und weil der arme nicht „schon“ im haus oder im laden erschossen wurde, sondern noch weggefahren wurde … also ja mitfuhr … es gab einen vorwand … da gilt dann die arglosigkeit wohl nicht … usw. usf. … auf jeden fall gelte in diesem fall dann auch deshalb kein mord. (so die verteidigung – hier mal sehr grob zusammengefasst.)

das ist ja eine verhöhnung des opfers!

genauso ist es: wenn die lage unübersichtlich ist, und wenn diktatur herrscht, und wenn es „das böse“ an jeder ecke gibt, dann musst du als kritischer mensch damit rechnen, dass auch du von dieser diktatur erfasst wirst … und dann bist du zwar ein opfer, aber keines der arglosigkeit, weil man das umfeld ja kennt. wenn es bei dir klingelt, ahnst du schon: SS. ACHTUNG!!! … und dann bist du nicht „arglos“.

wenn das umfeld also böse ist, sind immer untaten zu erwarten, und ich kann mich als opfer nie mehr auf „arglos“ berufen, was dann dazu führen könnte, dass eine verteidigung später sagen könnte: der mann ist nicht ermordet worden, weil das merkmal der „arglosigkeit“ und der „wehrlosigkeit“ nicht gelten kann?

ja, so ungefähr muss man das sehen. du hast natürlich jetzt noch mehr als die verteidigung übertrieben. aber in etwa geht so der strang. in etwa. (da wir keine juristen sind, können wir die dinge nur grob schildern.)

warum nur? was will die verteidigung?

die idee ist: als verteidigung musst du alles für deinen mandanten herausholen. und alles sieht derzeit nach einer verurteilung von boere aus. jetzt aber ist klar, dass mord eigentlich immer lebenslang ist. nun also muss die verteidigung sich was überlegen.

und was hat die sich überlegt? die verteidigung?

sie hat sich überlegt: wir haben die chance, dass wir die strafe deutlich reduzieren. dazu ist es erst einmal taktisch klug, dass man von einem zweifachen mörder spricht, und nicht von einem dreifachen. und dann suchten sie sich das opfer kusters aus, weil es für den keine angehörigen gibt, die als nebenkläger auftreten. kusters ist also nicht nur „nicht arglos“ gewesen, damals, sondern auch noch schutzlos, heute.

so, so.

und nun müssen sie noch von diesem lebenslang runter. das wäre der nächste schritt. und da hat die verteidigung gut gearbeitet.

inwiefern?

sie hat sich mit der rechtsprechung in bestimmten ausnahmefällen beschäftigt, und diese studiert, und diese dann auch für diesen fall herangezogen.

welche rechtsprechung?

es gibt fälle, wo mörder trotz anerkannten mordes nicht für lebenslang verurteilt worden sind. es gibt manchmal „ausnahmen“ in der rechtsprechung, welche natürlich gut begründet sein müssen. und damit hat sich die verteidigung befasst.

das gefiel dir?

ja, mir gefiel, dass die verteidigung in ihrem bemühen, das beste für heinrich boere herauszuholen (und dazu ist die verteidigung in unserem rechtssystem ja ausdrücklich da: sie soll alles herbeiholen, was gegen die anklage und für den angeklagten spricht … sofern es hand und fuß hat und nicht an den haaren herbeigezogen ist.), alles versuchte.

hatte es denn hand und fuß?

das kann ich nicht beurteilen, weil es hier tief in die rechtsmaterie geht. man braucht sachverstand höchster güte. es geht z.B. um den zeitablauf der ereignisse, z.B., weil eben das verbrechen schon so weit zurückliegt, aber auch der gesamte irrweg um das verfahren selbst, welches ja selbst 1984 nicht zustande kam, weil ein oberstaatsanwalt weissing in dortund das verfahren mit kuriosen argumenten nicht weiterführte … und dann eben die ganze geschichte des falls, vom todesurteil (schon 1949) in den niederlanden bis zur flucht nach deutschland, dem „unbescholtenen“ leben des heinrich boere hier … dann die aktivitäten der niederlande, den mann ausgeliefert zu bekommen. das versagen der deutschen justiz in all den jahren.

ach so.

ja, ja, jedenfalls nannte die anklage auch das urteil gegen mielke, „unseren“ STASI-mielke. den konnte man nicht recht vor gericht bringen und fand dann als anklagbar heraus, dass er 1931 als kommunist wohl zwei polizisten erschoss, nachdem zuvor ein arbeiter von der polizei erschossen worden war.

und?

mielke ist doch wegen dieser morde von annodazumal veruteilt worden, aber eben nur zu 6 jahren. obwohl der mord anerkannt wurde, sah man sich zur ausnahme von lebenslang bemüßigt, und mielke bekam nur 6 jahre.

das sind ja alles kuriose angelegenheiten.

die rechtsprechung ist sehr kurios. bisweilen sprachklabusterei. aber man muss sich erst einmal näher damit befassen. die verteidiger von boere jedenfalls, matthias rahmlow und gordon christiansen, setzten einen großen teil ihres stranges auf diese zusammenhänge und auf rechtsprechungen vom BGH bzw. die urteilsbegründungen, sogar vom bundesverfassungsgericht, zogen dann die argumentationslinien in die boere-sache rüber und kamen dann auf eine forderung von …

von wieviel?

… von 7 jahre haft. zwei morde und ein totschlag, dazu bestimmte besondere umstände: 7 jahre.

das ist ja ein dickes ding! mehr nicht?

wir sind hier voll in einer rechtsbetrachtung. und in argumentationsketten. und in der gewissheit, dass die ganze sache in revision gehen wird. jede revision, die nur etwas aussicht hat, kann deinen ruf als anwalt oder staatsanwalt beflügeln. und die beiden anwälte boeres wollen hier pflöcke einschlagen.

haben sie denn noch mehr zu bieten?

sie haben dann immer noch die sache mit der verbotenen doppelbestrafung, die sie sehen, nach den lissabon(n)er verträgen, und § 54 SDÜ = schengener durchführungsabkommen (Schengener Durchführungsübereinkommen; Verbot der Doppelbestrafung – Verurteilung in Abwesenheit wegen derselben Tat; Begriff der rechtskräftigen Aburteilung; Begriff der „nicht mehr vollstreckbaren Sanktion“; zeitlicher Anwendungsbereich.
Art. 54 SDÜ)
, aber das hatten wir ja alles schon im prozess. sie haben diese dinge aber in ihrem plädoyer wiederholt, und  machten klar, dass sie immer noch „die einstellung des verfahrens“ fordern. da diese aber derzeit nicht durchgeht, da vom gericht abgelehnt, halten sie an der forderung fest, für eine revision, und zugleich fordern sie (nur) diese 7 jahre haft für boeres mordaktionen.

ach so.

boere also wird schuldig gesprochen, muss man annehmen, aber jetzt wird am strafmaß herumgezerrt: lebenslänglich oder nicht? wann gibt es ausnahmen von „lebenslänglich“ in einem zugestandenen mord?

wer muss das beantworten?

das gericht – in seinem urteil, welches wir nächste woche erwarten.

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Nochmals zum Plädoyer der Nebenklage im Heinrich-Boere-NS-Mord-Prozess in Aachen schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, du hattest doch schon über die plädoyers geschrieben.

ja, ja, aber ich muss noch nachtragen, was der zweite vertreter der nebenklage, hier der anwalt der nachkommen des opfers de groot, detlef hartmann, zu sagen hatte.

was war es denn?

ich fasse es grob zusammen und bringe eine zusammenfassung einiger meiner sätze auf der gedichte-seite zu dem prozess:

Plädoyer von Rechtsanwalt Detlef Hartmann für die Nebenklage, er vertritt Teun de Groot, gleichnamiger Sohn des Attentatsopfers Teun (oder Teunis) de Groot vom 3.9.1944. Hartmann befasst sich mit dem verbrecherischen NS-System. Die Wahrheit muss ans Licht. Es war kein „bloßer Krieg“, was damals passiert ist, so Hartmann. Das war „die Überführung eines ganzen Kontinents in den Zustand des Terrors“, sagt Hartmann weiter. Hartmann spricht vom „Zustand der totalen Verunsicherung“ für ganze Gesellschaften, von der „Furcht, vernichtet zu werden“, von der „Gesellschaftlichkeit“, die dem „terroristischen Zugriff überantwortet wurde“, von 60.000 toten NL-Zwangsarbeitern unter den Nazis (eine konservative Schätzung), und von anderem mehr. Hartmann spricht auch davon, dass ein jüdischer Holländer eigentlich keinerlei Chance hatte, unter der NS-Herrschaft. Das Wort „Kriegszustand“ sei deshalb auch irreführend, es trifft nicht die damalige Lage in den Niederlanden. Es gäbe juristische Kategorien. Aber das, was wir (also  das Gericht und alle Prozessbeteiligten) beurteilen sollen, sprenge diese Kategorien. Es gehe um „niedrige Beweggründe ganzer Verbände“. Hartmann beschreibt die erfinderischen Fähigkeiten des Angeklagten Boere. Hartmann spricht von der besonderen Schwere der Schuld, u.a. wegen hochgradiger Identifikation des Angeklagten mit den Taten. Dafür solle er büßen, so gibt Hartmann einen Satz von de Groot wieder, dem Sohn des Opfers. Auch Hartmann klärt, wozu das Verfahren dient. De Groot möchte, so Hartmann, dass ein deutsches Gericht die Wahrheit feststellt. Und die Schuld. Es geht um mehr, als um die eigene persönliche Genugtuung, bei de Groot. De Groot will die Feststellung einer rechtswidrigen Tat. Außerdem stehe der Mandant de Groot für die gesamte holländische Bevölkerung. Es ginge also auch um Genugtuung für ein ganzes Volk, wenn es zu einer Verurteilung käme.

APPELL ANS VERFAHREN

Die Wahrheit
Kann nicht
Eingestellt
Werden! Höre!

©  Klau|s|ensĦķΩ7 Klau’s’ens=Klau(s)ens=Klausens=Klau|s|ens
2.3.2010, Dienstag, Justizzentrum Aachen, Landgericht, Gerichtssaal A 0.020, LIVE gedichtet von Klau|s|ens in allen Schraib- und Schreibweisen, u.a. als Klau/s/ens oder Klau-s-ens oder Klau(s)ens gegen 13:28 Uhr geschrieben, Prozesstag Nr. 18 gegen Heinrich oder Hendrik Boere, der des Mordes beschuldigt ist. Rund 65 Jahre nach den Taten steht er vor einem deutschen Gericht. Ein Sondergericht in Amsterdam hatte ihn am 18.10.1949 bereits – in Abwesenheit – zum Tode verurteilt. – Das Plädoyer von Rechtsanwalt Detlef Hartmann ist zuende, und damit dieser Verfahrenstag.

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heute gibt es auch plädoyers?

heute erwarten wir die plädoyers der verteidiger des angeklagten. vielleicht auch ein letztes wort von heinrich boere selbst.

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Weiter über die Plädoyers im Heinrich-Boere-Prozess in Aachen spricht KLAUSENs

klau|s|ens, du wolltest doch die plädoyers von staatsanwaltschaft und nebenklage nochmals revue passieren lassen.

ja, es waren die plädoyers von staatsanwaltschaft und nebenklage. am 2.3.2010.

was gibt es noch zu sagen? nach gestern?

zuerst möchte ich ein realgedicht einfügen.

ein realgedicht?

ja, ich sah die zeilen im justizzentrum aachen. sie stehen auf einer tür.

wo?

unten im erdgeschoss, raum 0.014, direkt an den bereich der cafeteria angrenzend.

wie lautet es? dein gedicht?

der titel ist von mir, der text ist real:

2 MAL 2 ODER GAR 3 BEDEUTUNGEN

Anweisungsstelle
Bitte einzeln eintreten

Copyright Klau|s|ens, in allen Schraibwaisen und Schreibweisen, u.a. als Klausens oder Klau§s§ens oder Klau/s/ens am 2.3.2010, Dienstag, Landgericht Aachen, Justizzentrum Aachen, Beschriftung im Gebäude A, Ebene 0, Raum 0.014.

du willst uns zeigen, wie die sprache schillert.

genau: „anweisung“ hat zwei konnotationen (und eigentlich ja auch „stelle“) … und „einzeln eintreten“ ja auch.

und das bei der justiz!

die justiz versucht rechtsverhältnisse sprachlich zu fassen, umkreist dann dieses und jenes, macht noch einen satz und noch einen rückbezug … und doch: wie schnell tappt man in seine eigenen fallen. allein: wie hört sich „anweisungsstelle“ überhaupt an, wenn man einem NS-mord-prozess beiwohnt. allein schon der klang! LTI – ich erinnere an LTI.

was meinst du?

LINGUA TERTII IMPERII – „LTI“, das buch von klemperer.

du hast so recht. – aber nun kommen wir doch zu den plädoyers. bzw. zu dem von rechtsanwalt heiermann.

ich hatte schon gesagt, dass es um „lebenslänglich“ geht, vielleicht auch um lebenslänglich bei besonderer schwere der schuld. heinrich boere soll nach den plädoyers jedenfalls lebenslänglich in haft.

ja, das wissen wir. aber was war denn nun 1984?

diesem jahr hat sich besonders der anwalt wolfgang heiermann gewidmet, er vertritt die angehörigen des ermordeten bicknese, er sprach auch direkt im auftrag von dolf bicknese.

was war denn 1984?

da hat man in dortmund in der zentralstelle zur verfolgung nationalsozialistischer verbrechen das verfahren gegen boere eingestellt. 1980 gab es ja ein auslieferungsersuchen aus den niederlanden.

zentralstelle?

die wurde gegründet, 2 x in NRW, köln und dortmund. in köln sollte man sich auf die verbrechen in KZ konzentrieren.

und weiter.

diese zentralstellen waren früher nicht so sehr effizient, insgesamt war die aufklärung der NS-verbrechen aus sicht der opfer und vieler kritiker nicht effizient, und wohl auch nicht wirklich wahrhaft gewollt.

wieso?

es gibt z.b. eine veröffentlichung „Juristische Zeitgeschichte Nordrhein-Westfalen – Band IX -:
Die Zentralstellen zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen – Versuch einer Bilanz
„. (2001, 96 Seiten.)

aha.

hier in kürze die essenz der veröffentlichung, zusammengefasst von dr. gerhard pauli, leiter der zentralen dokumentations- und forschungsstelle an der justizakademie des landes nordrhein-westfalen:

„Zu spät, zu wenige, zu milde“ – so wird häufig pauschal über die Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen durch die deutsche Justiz geurteilt. Gewichtige Fakten stützen diese Beurteilung. Erst Ende der 50er Jahre kam eine systematische Verfolgung dieser Taten in Gang. Die Zahl der rechtskräftig verurteilten Täter ist in Relation zu den bekannt gewordenen Verbrechen und den daraufhin eingeleiteten Ermittlungsverfahren verschwindend gering. Die häufige Verhängung zeitiger Freiheitsstrafen erscheint angesichts der angeklagten Mordtaten nicht angemessen. Der neue Band der Schriftenreihe „Juristische Zeitgeschichte Nordrhein-Westfalen“ widmet sich aus der Perspektive der Staatsanwaltschaft diesem Thema.

ich verstehe. und 1984 gab es auch noch diesen geist des zurückhaltens, des nichtbefassens, des wegschiebens, des nicht-wahr-haben-wollens, des die-täter-deckens.

offensichtlich. und rechtsanwalt heiermann nannte den namen von hermann weissing, der damals diese zentralstelle zur verfolgung von NS-verbrechen in dortmund als staatswanwalt leitete.

eben jener weissing war verantwortlich für die einstellung des verfahrens gegen boere?

genau das. und der weissing hatte ja argumentiert, dass diese erschießungen, die boere durchführte, diese morde, dass diese berechtigte repressalien gewesen seinen, nach der haager landkriegsordnung, und dass boere zudem unter befehl gehandelt habe.

dadurch war das verfahren dann zum erliegen gekommen.

so ist es: boere blieb weiter unbehelligt, bis die sache dann später unter einem neuen staatsanwalt, ulrich maaß, wieder aufgegriffen wurde. (boere war übrigens im rahmen dieses auslieferungsverfahrens 1983 kurzzeitig in auslieferungshaft. )

und rechtsanwalt heiermann hat auf diesen hermann weissing vorgestern im gericht in aachen hingewiesen.

ja, als ein beispiel für das versagen der deutschen justiz, wohlgemerkt 1984, da sind wir schon 16/17 jahre nach der APO-zeit, die ja dieses verschleiern der NS-verbrechen im deutschland der nachkriegszeit immer gebrandmarkt hatte.

ich sehe, ich sehe.

heiermann verwies darauf, dass jener staatsanwalt hermann weissing in seinem einstellungsbeschluss oder seiner einstellungsverfügung 1984 sogar ein völkerrechtslehrbuch von friedrich berber zitiert hatte. und jener berber wiederum war in der NS-zeit überaus aktiver rechtsgelehrter, also eine anhänger der nazis und aktiv in den NS-verbänden wie NS-dozentenbund oder NS- rechtswahrerbund. er war völkerrechtsexperte für außenminister ribbentrop und einer der begründer der expansionistischen völkerrechtsdefinition des nationalsozialismus.

und weiter?

heiermann verwies auch auf den fall von anton malloth, ein ganz schlimmer typus „schlächter“ im KZ theresienstadt, gegen den auch das verfahren eingestellt bzw. keine anklage eröffnet wurde, offenbar in den 70er jahren. damals hatte es z.b. geheißen, man könne malloth nicht ausfindig machen, wobei dieser ganz schlicht und einfach im telefonbuch von meran (tirol) in italien zu finden war. malloth war in der tschecheslowakei zum tode verurteilt worden, in abwesenheit, lebte bis 1988 in meran, unbehelligt, wurde 1988 nach deutschland ausgeliefert, wohnte dann wohl in pullach, etc.  – das verfahren gegen malloth wurde erst jahre später wieder aufgenommen, unter anderen vorzeichen, in münchen. 2000 dann begann das verfahren, 2001 das urteil zu lebenslang. (beim fall malloth, der für viel aufsehen sorgte, war bei der zentralstelle in dortmund der staatsanwalt klaus schacht wohl derjenige, der direkt unter beschuss geriet. bei der generalstaatsanwaltschaft in hamm wiederum war jener hermann weissing aber für die zentralstelle dortmund zuständig. weissing  war amtsvorgänger schachts als leiter der zentralstelle und wohl eng mit eben diesem schacht befreundet. das sind dann extra geschichten. der fall malloth führte zu vielen weiteren eklats und diskussionen in der BRD.)

dann bleibt es bei einer deutschen justiz, die unglaublich lasch und weich und seltsam destruktiv bisweilen daherkam?

so muss man urteilen, und das ging bis hinein in die 80-er jahre. so lange hielt so mancher schützend seinen arm über NS-verbrecher. und wer weiß, welche dieser menschen dann wiederum „anerkannte nachbarn“ waren. die welt kommt so seltsam daher. siehe doch nur diesen panaroma-bericht, wo hermann weissing zu groben versäumnissen im fall priebke befragt wird: PANORAMA vom 22.8.1996.

und darüber sprach heiermann? über versäumnisse der justiz? bei der aburteilung von NS-verbrechern?

genau: er nahm diesen boere-prozess, der ja nun endlich zustande gekommen ist, zum anlass, über die geschichte der deutschen justiz hinsichtlich der verfolgung von NS-verbrechen nachzudenken. (so ein plädoyer hat ja nicht unendlich zeit! man kann nur ein paar denkanstöße geben.) … und dieser hermann weissing, der nicht irgendein staatsanwalt war, sondern der in dortmund genau die stelle leitete, die NS-verbrecher anklagen sollte … der war eben auch so ein „besonderer fall“.

aber jetzt liegen die dinge doch anders!

das braucht keinen freudenschrei zu ergeben, weil es ja kaum noch lebende täter gibt, die man anklagen und verurteilen kann. viele sind straffrei verstorben. sie können da und dort gewohnt haben, als „brave bürger“, und sie sind ohne rechenschaft ablegen zu müssen dann als unbestrafte verbrecher in den tod gegangen. das wissen wir ja auch von mitgliedern des „kommando feldmeijer“.

das alles sei im prozess um heinrich boere zu bedenken?

das alles … und noch viel mehr. rechtsanwalt heiermann verlas dann für seinen mandanten dolf bicknese u.a. diese worte: „es wäre für euopa ein hohn gewesen, wenn ausgerechnet ein SS-mann als erster von den lissaboner verträgen profitiert hätte.“

was ist das denn nun wieder?

da geht es um eine weitere variante in diesem verfahren, und um einen beweisantrag der anwälte von boere, die mit hilfe des inkraftretens der lissaboner/lissabonner verträge (und der darin genannten nicht-mehr-möglichen doppelverurteilung in 2 ländern der unterzeichnerstaaten) ihren mandanten straffrei bekommen wollten und eine einstellung des verfahrens herbeizuführen gedachten.

mensch, was alles zu beachten und zu wissen und zu lernen ist!

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Plädoyers für lebenslang im Heinrich-Boere-NS-Mord-Prozess in Aachen hört KLAUSENS

klau|s|ens, gestern wurde die beweisaufnahme geschlossen.

das verfahren gegen heinrich boere wegen mord in 3 fällen (so die anklage) geht zuende.

haben sie gestern schon die plädoyers gehalten?

ja, staatsanwaltschaft und nebenklage, also die anwälte im auftrag der hinterbliebenen der opfer.

die haben ihre forderungen gestellt?

es kam so, wie es zu erwarten war.

was war zu erwarten?

alle sagen, boere ist der 3 morde schuldig, an bicknese, kusters und de groot, als täter (in allen 3 fällen also.) – boere selber hatte die taten ja auch im prozess zugegeben.

und? was fordern sie? strafe?

sie fordern (3x) lebenslänglich = lebenslänglich – aber: a) die staatsanwälte forden lebenslänglich … und die nebenklage fordert b) lebenslänglich bei besonderer schwere der schuld.

– § 211 Mord
(1) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.
(2) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

das ist nicht das gleiche? lebenslang und lebenslang „bei besonderer schwere der schuld“?

nein, das das zweite wiegt noch schwerer, wenn so geurteilt wird. das hat dann etwas mit der mindesthaftzeit zu tun, also wann diese strafe „lebenslang“ erstmals so überprüft wird, ob der angeklagte eventuell bei besonders guter führung bei bewährung aus der haft entlassen werden würde können.

– § 54 Bildung der Gesamtstrafe
(1) Ist eine der Einzelstrafen eine lebenslange Freiheitsstrafe, so wird als Gesamtstrafe auf lebenslange Freiheitsstrafe erkannt. In allen übrigen Fällen wird die Gesamtstrafe durch Erhöhung der verwirkten höchsten Strafe, bei Strafen verschiedener Art durch Erhöhung der ihrer Art nach schwersten Strafe gebildet. Dabei werden die Person des Täters und die einzelnen Straftaten zusammenfassend gewürdigt.

– § 57a Aussetzung des Strafrestes bei lebenslanger Freiheitsstrafe
(1) Das Gericht setzt die Vollstreckung des Restes einer lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, wenn

1.
fünfzehn Jahre der Strafe verbüßt sind,
2.
nicht die besondere Schwere der Schuld des Verurteilten die weitere Vollstreckung gebietet und
3.
die Voraussetzungen des § 57 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und 3 vorliegen.

aber bei einem 88-jährigen mann! der wird doch kaum die mindestens 15 jahre bei lebenslang „ohne schwere schuld“ einsitzen!

ja, es geht bei diesen strafen kaum noch ums „absitzen“, sondern erst einmal darum, dass diese zustande kommen.

das ist das wichtige?

ja, insofern sind auch die aussagen der plädoyers selber interessant. also bewertungen zum NS-system des verbrechens und zum umgang der deutschen justiz eben damit.

dazu gibt es viel zu sagen?

sehr viel: denn die geschichte der deutschen nachkriegsjustiz bezogen auf NS-täter ist voller fehler, lückungen, deckungsabsichten, vertuschungen und auch von klientelpolitik von ehemaligen tätern und mitmachern des NS-systems. skandale! wie viele täter kamen davon?! wie viele lebten frei und unbehelligt sogar in der BRD?! wie viele hatten sogar „amt und würde“ im deutschland nach 1945!

aber es gibt doch nun diesen prozess!

genau das wurde gestern auch thematisiert – warum gibt es diesen prozess? die leute fragen doch immer. und gestern wurde eben deutlich, dass es zum einen direkt darum geht, dass die opfer bzw. deren hinterbliebenen etwas wie „genugtuung“ erhalten, weil die taten selber ja schon ihr leben schlimmst geprägt haben. aber diese befassung und dann bestrafung soll darüberhinaus zeigen, dass die gesellschaft das erkennt und die gerechtigkeit endlich wieder einer balance zuführen will.

das ist alles?

nein, die gesellschaft als solche legt rechenschaft ab, über ihr eigenes eingreifen und nichteingreifen. und zugleich wird gezeigt, dass sich kein mörder jemals sicher sein kann, auch verbrecher zukünftiger generationen nicht: jedes verbrechen gegen die menschlichkeit wird abgeurteilt werden, irgendwann, irgendwie. es gibt keine sicherheit für täter, zumindest dürfen sie sich nie sicher fühlen. auch diese botschaft ist wichtig. wir finden deshalb eine fülle von gedanken, die eine rolle in so einem NS-prozess des jahres 2009/2010 spielen.

aber heinrich boere ist 88 jahre alt.

gewiss, gewiss, und vielleicht wird er sich der haft entziehen können. gibt es eine revision des urteils (welches ja noch aussteht), dann dauert das ja auch wieder seine zeit. dennoch: die gesellschaft hat nun endlich einen status erreicht, wo sie diesen verbrechen ohne nachgiebigkeit gegenübertritt, aber zugleich die rechtsstaatlichkeit sehr hoch hält.

war das bei diesem verfahren so?

ja, das gericht wurde dafür auch gelobt, vom staatsanwalt. für die ruhe und umsicht und geduld.

und durfte die verteidigung agieren?

sie durfte. die verteidigung versuchte, mit vielen mitteln (und verfahrenstricks) die unschuld des angeklagten herauszustellen. ein hauptansatz: befehlsnotstand. und dieser begriff ist auch nicht ohne. deshalb hat der staatsanwalt tief in die „kiste der justiz“ gegriffen, grundsatzurteile hervorgeholt und sich mit diesem faktum befasst. er holte auch den einstigen US-ankläger kempner wieder herbei, der von der waffen-SS als einer verbrecherischen organisation gesprochen hatte. oder ein BGH-urteil von 1951. sätze wie „unter bestimmten umständen trifft den untergebenen die teilnahme“ wurden dementsprechend hervorgeholt. das sind ja juristische debatten, die über jahrhunderte unser verständnis von verbrecherischen staaten und organisationen und handlungen betreffen. das geht bis hin zu fragen, wer in einem krieg „berechtigt“ erschießen darf und nicht. darf die wehrmacht schießen, wenn ja wie? wie ist ein attentat von partisanen zu bewerten? das erlebt man ja heutzutage beim afghanistankrieg, wo es um die definition von krieg geht. führt die bundeswehr dort krieg?

was sagte der staatanwalt noch?

er bewertete, was wir alles aus den zeugenaussagen wissen, die schriftlich vorliegen, weil die beteiligten (bis auf einen, der ja per video von rotterdam aus vernommen wurde) alle längst verstorben sind. er kam zu dem schluss: boere hat sich nicht bemüht, von diesen befehlen freigestellt zu werden. oder versetzt zu werden. nichts spricht dafür. kein anzeichen. kein indiz. – auch ich denke: boere war ein täter des wollens, nicht des müssens.

und die anwälte der opfer bzw. derer nachkommen?

die sind dieser linie noch viel stärker gefolgt. sie wiesen darauf hin, dass boere für sie ein täter aus überzeugung war, der die taten gewollt hat. der die taten aus überzeugung tat. der früh zur waffen-SS ging, früh in den/die NSB, etc. – und der ja nicht umsonst zum hauptscharführer noch befördert wurde.

wie soll man mit diesen dingen umgehen?

das wird alles noch zu klären sein. wir haben nun die strafanträge und die plädoyers der staatsanwaltschaft und der nebenkläger. wir erwarten die stellungnahme der anwälte von boere. diese werden wieder die idee des befehlsnotstandes hochhalten. und dann erwarten wir das urteil.

und?

morgen werden wir uns u.a. noch mit dem aufhebungsschluss („einstellungsverfügung“) von 1984 befassen. ein eigener skandal der deutschen justiz. darauf wies die nebenklage in ihren ausführungen hin.

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Vor den Plädoyers im Heinrich-Boere-NS-Prozess in Aachen spricht KLAUSENS

klau|s|ens, der prozess gegen heinrich boere nähert sich dem ende.

ich weiß, ich weiß – aber wir wissen nichts.

wir haben doch einiges erfahren.

sicher, viele bruchstücke, aber immer nur aus den dokumenten. es ist aber ein täter anwesend, der uns vieles erzählen könnte, wenn ihm die 88 jahre lebenszeit nicht dabei hinderlich sind.

ist dir nichts aufgefallen?

was?

der prozess vergisst die schrecken.

tut er das?

man sitzt da, man hat einen raum, es ist geheizt, der regen bleibt draußen, der angeklagte wird medizinisch betreut. vor dem gerichtssaal ist die cafeteria, wo ich mir jederzeit café holen kann. oder ein belegtes brötchen.

was willst du sagen?

es ist die routine von raum und akten und aussagen. die verbrechen kommen vor, aber sie kommen auch nicht vor.

und weiter?

der angeklagte ist da, aber er ist auch nicht da.

wo ist er denn?

er sitzt da, aber er redet ja nichts. irgendwann guckt man gar nicht mehr hin. es ist ein prozess, der eigentlich ohne den angeklagten stattfindet. er sitzt da, aber man nimmt ihn kaum noch war. man hat sich an den menschen im rollstuhl gewöhnt wie an einen alten schrank im keller.

dann verschwinden die verbrechen?

irgendwie ja. sie werden verlesen, wenn protokolle von verhören verlesen werden. aber die verbrechen sind gar nicht so schlimm, wie sie waren. alles bekommt etwas geglättetes. es bleibt der text. und der ist auch schon seltsam verkürzt. jedes polizeiprotokoll ist eine verkürzung des geschehens.

das ist die gefahr!

genau: es ist die gefahr. alles scheint normal. da ein mord, hier ein mord, mal im september 1944, mal in einem anderen monat. so war es eben. die dinge drohen, beliebig zu werden.

du möchtest aber, dass man sich erinnert, dass es verbrechen waren.

ja, aber zugleich weiß ich, dass die justiz nur „überleben“ kann, wenn sie die gefühle aus all den dingen wieder rausnimmt. „recht sprechen“ ist schwer, wenn man „aufgekocht“ ist.

also, was willst du nun?

ich meine nur: boere verschwindet. die taten. der täter. der schrecken. du musst dir mal vorstellen, gleich klingelt einer bei dir, oder zwei, fragen dich nach deinem namen … und dann schießen sie auf dich.

und andere schreien. diejenigen, die zeugen der taten sind. kinder verlieren den vater. frauen den ehemann. es ist grausam.

genauso: das ist grauslich. und egal, ob es nun 48 oder 50 oder 54 erfolgreiche bzw. versuchte silbertannen-morde waren. diese ganze aktion ist und war bösartig und unmenschlich.

ich weiß.

genau das aber sollte in so einem prozess nicht in vergessenheit geraten. mord ist kein bagatelldelikt. man denkt ja oft: die haben so viele menschen dann vergast, da ist ein gewöhnlicher mord eine andere kategorie. man stellt seltsame vergleiche an.

die schrecken des nationalsozialismus hatten so gigantische ausmaße, dass man dazu neigt, alles falsch zu relativieren.

genau so. ich wünschte mir, dass wir uns das alles vor augen halten und nicht in diesem gewirr von akten und aussagen und protokollen und einem ewig schweigenden heinrich boere allesamt in der (vermeintlichen) belanglosigkeit der verbrechen untergehen.

„belanglosigkeit der verbrechen“?

nein, nein, ich meine es nicht so. sie sind NICHT belanglos. ich meine es so, dass man nach vielen prozesstagen als prozessbeteiligter und als zuschauer so empfinden kann: ach, diese verbrechen da! man wird routiniert und abgestumpft.

dann ist abstumpfung eine gefahr für uns alle?

aber ja, zumal jeden tag neue verbrechen passieren. und diese NS-verbrechen waren so zahlreich und so viele. wenn ein gefangener fast tot getrampelt wird, auf dem hof eines KZ … dann ist das eine abscheuliche und widerliche tat. das ist quälerei und folter und so … und man sollte das nicht kleinreden, weil es noch so viel schlimmere und abscheulichere dinge unter der NS-herrschaft gegeben hat. dieses relativitätsproblem umgibt alles. dabei ist schon ein einziger von menschen an anderen menschen zugefügter schmerz etwas bösartiges.

ich denke, wir haben deinen kerngedanken nun verstanden. man neigt dazu, schlimmste verbrechen als weniger schlimm anzusehen, weil es ja noch diese unvorstellbar inhumane „endlösung“ gab. das allerschlimmste! das systematische ausrotten einer ganzen volksgruppe!

danke. ja, ja, du verstehst mich. am liebsten wäre mir, boere würde alle seine erinnerungen zusammenrufen und dann in aller wahrhaftigkeit eines 88-jährigen alles erzählen, was er tat und was er wusste. alles auspacken. reden, reden, reden. wie bei einer beichte. alles raus! würde er wahrlich bereuen, was er tat, und würde er das wahrlich auch zum ausdruck bringen, wäre das noch besser und passender.

du meinst, mit blick auf die kommenden generationen.

ja, denn denn die aufklärung von heute dient teils dazu, an die opfer und deren angehörigen einen kleinsten (mini)teil von einer art „wiedergutmachung“ zu geben. (es lässt sich ja nichts wiedergutmachen! aber man kann die narben etwas schneller heilen lassen, wobei solche narben niemals weggehen. höchstens weniger schmerzen.)

und wozu dienen die urteile noch?

dass die nachgeborenen solche verbrechen NIE MEHR begehen … oder zulassen, dass sie begangen wären.

ja, auch das hoffen wir immer. und doch: der spuk geht irgendwann immer von vorne los. ganz so optimistisch wie du kann ich kaum sein. rohe gewalt findet leider immer wieder nachahmer und fürsprecher.

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Eine weitere Einlassung von Boere selbst im Heinrich-Boere-Prozess wegen NS-Morden zu Aachen hört KLAUSENS

klau|s|ens, der herr boere sprach selber?

nein, die anwälte verlasen.

heute?

ja, heute morgen im prozess in aachen.

hat er nun gesagt, was war und warum und wie … und dass er alles bereut?

nein, die anwälte verlasen eine erklärung, wonach boere eine schreibschwäche hat. deshalb also wurde „verlesen“, und zudem von den anwälten, sodass man immer fürchten muss, die anwälte sprechen in der erklärung … und boere unterschreibt nur brav, was diese für richtig halten. aber das ist am ende auch unwichtig.

was hat er denn erklärt?

er hat zu den letzten dokumenten erklärt, die da in den archiven aufgespürt wurden, zu diesem vernehmungsprotokoll vom september 1946 und zu anderen dokumenten / aussagen: es könne sein. er könne sich nicht erinnern. das mag so gewesen sein. das wisse er nicht mehr. das könne er nicht ausschließen. in diesem tenor. diese ganzen formulierungen wären eine germanistische quelle für sich. aber sie können ja von den anwälten stammen. der kern ist: mag sein, kann sein, kann nicht sein, weiß nicht, weiß vielleicht nicht, wenn es so ist, dann ist es so. immer nach der devise: was urkundlich ist, wird wohl stimmen. und: der mensch ist eben schwach – und sein gedächtnis auch.

also seine NSB-mitgliedschaft, und seine tätigkeit als zählerableser, und seine arbeit bei der landwacht (dem militärischen arm des/der NSB)? alles nun auch zugegeben?

ja, diese dinge sind ja nun sowieso erwiesen, also quasi amtlich … und jetzt kommt herr boere hernach und bessert seine biographie etwas nach, weil er zuvor die dinge ja anders darstellte. lückenhaft. er hatte seine biographie geschönt. dabei beruft er sich nun auf das vergessen, was wirklich ein menschliches problem ist … was aber in diesem zusammenhängen nicht recht glaubhaft wirkt.

dann entsteht die biographie von heinrich boere durch diesen prozess?

so kann man es fast sagen: jedes verlesene dokument, jede sterbeurkunde, jeder nachweis … alles lässt eine steinbruchartige biographie von boere (und der mittäter) entstehen, aber auch nur den umriss vom umriss vom steinbruch, denn es sind wenige daten und wenige fakten, aber sein leben ist über 88 jahre alt. der prozess versucht das leben des heinrich boere nachzuzeichnen, welches heinrich boere selber nicht recht zu kennen scheint. es ist schon kurios, mit dem alter, mit den taten, mit dem vergessen, mit den dokumenten.

welchen sinn hatte dann die boere-einlassung von heute?

die anwälte wussten, dass man nicht leugnen kann, was durch diverse schriftliche quellen relativ sicher nun belegt ist.

dann ist die verteidigung in der defensive?

aber ja – dennoch legten sie direkt nach und forderten nun ihrerseits noch die weitere verlesung eines dokumentes, aus dem hervorgeht – so die meinung von boeres anwälten – , dass man zu jenem kommando feldmeijer prinzipiell „abgeordnet“ wurde (das ist also der gedanke: ich wollte nicht, ich musste!) … und wonach man mit einem bein im grab oder im KZ gestanden habe, wenn man die befehle bei feldmeijer nicht brav ausführte, also: widerständler aufspüren, nach namensliste, und dann ermorden. denn dazu war dieses kommando ja da.

es war dann noch eine weitere zeugenaussage?

ja, von einem halb-mittäter bei den morden auf die bürgermeister von asten und someren … der aber dann nicht mitfahren durfte, wegen platzmangels in den autos, und der das längste streichholz gezogen hat. und der dann wartete, bis die anderen nachts um 1.30 uhr zurückkamen.

ach der.

die anderen hatten bei den 3 mordattacken auch eine waffe verloren, wohl sander borgers war derjenige, welche seine pistole nicht mehr finden konnte. außerdem war ein attentat von den geplanten dreien nicht erfolgreich gewesen. opfer frans eijsbouts überlebte! also: 2 schlimme „fehler“ in der logik des mordens.

ach so.

und dann fuhr eben dieser mensch wegen eines streichholzes zum warten und nicht mitmorden „verdammte“ am tag danach los, um nun selber auch aktiv zu werden. laut verhörprotokoll wurden aber dann die aufträge absichtlich nicht ausgeführt. so versuchte er also die geschichte dann in seinem sinne nach dem krieg noch positiv zu drehen.

dann war dieses protokoll vom jenem gerardus johannes theodorus kniest (möge er sich so schreiben) ja eines der sich-freistellung von den taten.

es waren zwei protokolle, eines von 1945 und eines von 1947, zwei verhöre, einmal sitzt der mensch in dem gefängnis, einmal in dem anderen.

und diese aussagen sollen boere nun entlasten?

der mittäter spricht von der einberufung in das kommando – und er spricht von dem „bein im grab“, falls man die morde nicht ausführt. daran klammert sich die verteidigung, um den befehlsnotstand hinzubekommen. die worte eines feldmeijer-kommando-genossen von boere sollen das erbringen.

und nun?

nun wird das verfahren vielleicht schon am kommenden verhandlungstag in das ende der beweisaufnahme und den beginn der plädoyers eintreten.

und diese protokolle?

ich weiß nicht, was noch auftaucht und was man noch verlesen könnte. außerdem sind es ja meistens täter, die die taten beschreiben. da müsste man noch wissen, ob diese täter zusammen inhaftiert waren, ob sie in der haft umgang hatten, und ob sie 1945 zumindest genau absprechen konnten, was die dann beim verhör jeweils so alles erzählen.

was willst du sagen?

ein verhör ist keine sichere quelle … nur weil es ein verhör ist. man muss die täterverhöre untereinander abgleichen … und man muss daraus dann den wahrheitshergang ermessen. außerdem kennt man die taten und deren verlauf.

hat boere selber denn heute nichts gesagt?

nein, er selber schwieg. seine anwälte lasen vor. die salamitaktik des dieses oder jenes zugestehen, sofern es unabänderliche fakten sind, wie boeres mitgliedschaft im NSB, die er uns ja anfangs sorgsam verschwiegen hat. diese ewige taktik. und kein bereuen und verzweifeln und verzagen … keine entschuldigung bei den angehörigen der opfer … kein nichts. was soll das alles? herr boere, was soll ihre existenz?

ich würde seine biographie gerne viel präziser kennen.

sicher: aber das ist dein historisches privatinteresse. für das gericht geht es a) um die taten in ihrer faktizität und b) um die bewertung dieser taten, auch hinsichtlich eines schuldspruchs und einer strafzumessung.

was denkst du?

für mich ist boere der morde natürlich schuldig, die er zugegeben hat. und der „befehlsnotstand“ zieht nicht recht. und für mich ist er zudem ein überzeugter NS-aktivist, der nicht ohne grund zu diesem kommando feldmeijer geholt wurde. für mich sind diese morde und die weiteren taten (spionage, auskundschaften, razzien vorbereiten, menschen „ans messer liefern“ und razzien mitmachen) aktiv und bewusst und wollend … und nicht unter zwang und aus schlotternder angst begangen worden.

du sagst zu feldmeijer „geholt“?

so sehe ich das: man hat sich bestimmte leute „geholt“, weil man die für gut befand, bzw. feldmeijer selber, der iniator des kommandos.

und dann?

dann sind diese SS-ler bzw. ex-waffen-SS-ler gekommen. das war keine „abordnung“, wo die leute geweint haben. sondern sie dürften willig und fröhlich gefolgt sein, weil man für sie nun, nachdem sie als waffen-SS-ler an der ostfront waren und dort nicht mehr kämpften (wegen krankheit oder verletzung), nun in den niederlanden selbst eine neue „schöne“ tätigkeit und eine andere verwendung gefunden hatte.

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Beim Heinrich-Boere-NS-Prozess hört KLAUSENS kurze Übersetzungs-vorlesungen

klau|s|ens, es lagen noch nicht alle übersetzungen vor?

ja, leider, leider. diese dokumente aus dem archiv für limburg in maastricht … die mussten ja alle ins deutsche übersetzt werden. und die letzten seiten dieser übersetzung sind wohl erst am freitag morgen im gericht eingetroffen. (wer da wohl die schuld trägt? der/die übersetzer/-in? das gericht? andere? aber es ist, wie es ist.)

wozu führte das?

wir hörten nicht alles, was wir am freitag, 19.2.2010, hätten hören können. die nebenklage hat ja mit helfern dokumente aufgetan, wonach boere aktiv als spitzel tätig war und widerständler in helden-panningen im mai 1944 bewusst verraten hat, sodass diese verhaftet wurden, was dann zu deportationen nach deutschland führte, und in einigen fällen (7 sind wohl klar nachgewiesen) zum sicheren tod dieser opfer dann in KZ und/oder arbeitslagern in deutschland.

und welche dokumente?

das sind diverse verhöre und befragungen, u.a. auch mit boere selbst, nach dem krieg … und die waren ja in der öffentlichkeit bislang nicht bekannt gewesen. die idee ist: boere hat nicht nur in 3 fällen gemordet, sondern er ist zudem ein aktiver und aggressiver verfechter der NS-ideologie gewesen.

aha.

boere tut immer so, als hätte er als befehlsempfänger menschen erschießen MÜSSEN. … aber es stellt sich heraus, dass er mehrfach überaus bewusst und dauerhaft teil des schreckenregimes der deutschen in den niederlanden war. boere war in der waffen-SS, im NSB, in der landwacht (bewaffneter arm des NSB) und in der SS … da im besonderen „kommando feldmeijer“ und … und … als zählerableser hat er zeitgleich auch gearbeitet. und das ist ja auch der klassische job, um dinge und menschen auszukundschaften.

was ist hinter allen neuen fakten um boere die idee?

die idee ist: boere hat uns vieles verschwiegen, was jetzt mühsam recherchiert werden musste. boere war kein „armer mörder“ auf befehl, sondern ein mörder des wollens. das ist sehr wichtig, wenngleich man ihm die toten widerständler in deutschland kaum als weitere morde unmittelbar auf den zettel seiner untaten schreiben kann, rein rechtlich. es wäre eher etwas wie aktive beihilfe. aber es gab ja auch viele schreibtischtäter, die deportationen organisierten und veranlassten und planten … und die nachher sagten: „ich habe niemanden umgebracht. ich trage keine schuld.“ man muss dann alles im rahmen des verbrecherischen gesamtsystems bewerten. die fakten müssen deutlich sein. jede neue information nutzt. man muss überlegen, wie sehr und wie willentlich heinrich boere das NS-system in den niederlanden (be)förderte und vorantrieb, auch wenn er ja eher weiter unten in der pyramide des bösen agierte.

es gibt ja da eine liste.

ja, die universität amsterdam hat die verurteilungen deutscher und österreichischer NS-täter zu NS-verbrechen in den niederlanden erfasst und alle täter samt urteilen zusammengesucht: http://www1.jur.uva.nl/junsv/NED/NL-Uebersicht.htm

„Niederländische Strafverfahren gegen Deutsche und Österreicher wegen im 2.Weltkrieg begangener NS-Verbrechen“

aha.

auf dieser liste ist aber boere nicht erfasst, weil er denen als niederländer galt (gilt?). auch uns bekannte täter wie besteman(n) oder kromhout, die an den morden auf bicknese, de groot und kusters z.B. beteiligt waren, fehlen in dieser auflistung. wohl, weil sie als niederländer gelten.

hast du deine gedichtseite denn weiterbetrieben?

ja, auch diese wächst. es sind ja nicht nur die LIVE-gedichte, sondern weit mehr informationen, die dann hier und da auftauchen. es ist auch das: ein prozess!

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