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Schnell mal Graffiti fotografiert KLAUSENS in Oberdollendorf bzw. Niederdollendorf

klau|s|ens, du bist nach dem unsrigen gestrigen beitrag über sprayen/sprühen und die tattoos nun rausgegangen, um noch feldforschung zu betreiben?

nein, nein, ich habe einfach beim laufen fotografiert, also: by the way.

wo?

in oberdollendorf bzw. niederdollendorf, wenn man die petersbergstraße nimmt, die dann unter der bahn durchführt, eine mini-unterführung, nah einer schule … da findet man solche graffiti, was wiederum der plural von graffito ist.

was hilft uns das?

es ist ein weiterer blick auf die welt.

welche welt?

eine welt, die voller sinnloser zeichen ist, voller kleiner eruptionen, die nichts und alles sagen.

was sagst du?

ich?

was sagst du zu alledem?

ich denke, dass der mensch in seiner begrenztheit, die er sich (neben der natur) nun selber mehr und mehr erschafft, durch alles das tun und machen, immer mehr druck erzeugt, der dann u.a. durch viele kleine und große schmierereien abgelassen und entladen werden soll.

klappt das?

ich denke: nein. man hat ja den eindruck, dass die sinnlose gewalt auch weiter zunimmt. die entfremdung insgesamt, das unglück, das leiden.

ist es so schlimm?

nein, alles hat ja einen relativen rahmen. aber die graffiti und die tattoos in ihrer derzeitigen inflation zeigen uns doch, dass wir weit von der idylle der heimatfilme der 50er und frühen 60er jahre entfernt sind.

heimatfilme? – meinst du eigentlich, dass bergsteiger nun alle tätowiert sind?

ich weiß es nicht. aber die frage ist berechtigt.

und am mount everest? K2? nanga parbat? ob sie da schon was gesprüht haben? gegen den nackten fels? als aufschrei? als jammern? als abreaktion?

ich weiß es nicht. aber da die ganze welt erschlossen ist, muss sie nun auch weiter verdreckt und beschmiert und beuriniert werden. der mensch selber auch, wofür er dann seine haut hat. aber wichtig ist: zumachen, verkleistern, bekritzeln, irgendetwas machen und sich selber noch vorgaukeln, man sei wenigstens kreativ.

findest du dich selber denn kreativ?

ich weiß es nicht.

nie weißt du etwas.

du denn?

aber gewiss: ich werde jetzt gegen den computermonitor urinieren. ich möchte an dieser massenbewegung des alles bekotens anteil haben.

bekoten durch urin?

eigentlich zitiere ich damit nur unser eigenes kunstwerk.

welches denn? wir haben schon so vieles getan und gemacht … und auch unterlassen, dass ich es nicht mehr weiß.

na, das war doch das urindirektpainting: http.//www.klausens.com/urin_direkt_painting.htm – so viel besser als diese anderen menschen sind wir zwei ja auch nicht.

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Tattoos und das Gespraye im öffentlichen Raum sieht KLAUSENS parallel

klau|s|ens, warum hast du noch kein tattoo?

sie erschließen sich mir nicht.

kein anker, kein drachen, kein schwert, kein mystery-fantasy-zeugs?

ich sehe es mehr als schmutz.

tattoos?

ja, denn sie wirken auf der haut oft nur wie flecken. es sind (meist dunkle) farbkleckser, die sich erst bei gutem licht und aus großer nähe als kunstwerke darzustellen vermögen.

aber aus der ferne?

ist es oft nur farbe, aber kein motiv. etwas dunkles. etwas unförmiges. auch das bunte wirkt dunkelbunt.

dann wollen sich die menschen nun alle einfärben?

vielleicht wollen sie auch eine ständige scheinschmutzspur an sich tragen. es geht auf jeden fall darum, etwas, was schön ist (den menschen), massenhaft und psychotisch eher unschön zu machen. (tattoos kann man ja nicht abwaschen.) und das schon in jüngsten jahren, wo die haut noch so fein und glatt und herrlich ist.

findest du? zerstörung? gewollt?

in den meisten fällen: leider ja.

woran erinnert es dich also?

die tattoos erinnern mich an dieses heftige sprühen und sprayen in städten und dörfern. keine hauswand ist sicher, kein zug, kein pfeiler, kein mäuerlein. auch da wird beschmutzt. autobahnen sind sprayschmutzzonen heftigster art.

es sind jene tags.

gewiss „tags“ findet man bei den tattoos noch selten. aber immer öfter sieht man schriften und inschriften. zeichen und symbole sowieso. tattoos und spayertags nähern sich also tendenziell an. (in früheren blog(g)-beiträgen hatte ich die tags der sprayer mal mit dem urin von hunden verglichen: es wird ein revier markiert. ums markieren geht es beim sprayen. vielleicht auch beim tätowieren.)

dann gibt es also eine nähe von der inflation des sprühens zur inflation der tattoos?

man muss es so deuten. beides verläuft scheinbar parallel.

aber warum nur?

die welt wird immer mehr „entnatürlicht“, immer mehr häuser, immer mehr bauten, immer mehr straßen, zersiedelung, gewerbegebiete, fläche, alles das. die natur verschwindet unter der zerschandelung durch den menschen.

und was macht der mensch in dieser unwelt?

diese unwelt hat der mensch selber geschaffen, aber nun passt er sich dieser verkorksten unwelt an.

wie denn?

das sagten wir doch: das sprühen/sprayen und das tätowieren sind beides wege, den schmutz der welt nun auch noch als bild auf eben diese welt zu übertragen. man möchte das hässliche wieder schön machen, indem man es gewissermaßen noch hässlicher macht.

aber es ist wirkungslos.

wieso wirkungslos? ich störe mich an den meisten tattoos und an den meisten zugesprühten wänden.  das ist doch eine wirkung! – ich suche eine ästhetik, die mich anspricht. doch das ist nur in den wenigsten fällen der fall.

vielleicht sollte man tattoos an die wände sprühen.

vielleicht würde mir das gefallen. vielleicht. sorgen muss man sich aber dennoch.

diese heftige tattoo-entwicklung ist eine zerstörung größten ausmaßes. und zudem unumkehrbar.

der mensch schafft sich selber als mensch ab. oder: er definiert sich neu.

was mögen die aborigines eigentlich denken, wenn sich heute jemand den trainer von borussia dortmund auf seinen rücken machen lässt?

samt meisterschale!


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