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Nachtrag zu Jürgen Domian im Stadtmuseum Siegburg von KLAUSENS

klau|s|ens, du wolltest heute noch etwas nachtragen.

wollte ich, zweitklausens?

ja, zu deinen äußerungen gestern.

gestern liegt schon so fern.

es ging um domian, der doch in siegburg las, aus seinem buch „der gedankenleser“.

ja, sicher, wir haben die dinge etwas diskutiert. und wir hatten LIVE-gedichte geschrieben: http://www.klausens.com/klausens-und-juergen-domian.htm

und heute?

heute könnte man noch die sache mit den liedtiteln schreiben. das las und lese ich allzuoft. in vielen büchern. analogie, lebe auf! immer wird eine verbindung zwischen den liedern und der handlung hergestellt oder gar festgestellt. bei domian war es die neueste variante solchen parallel-lied-schreibens. johnny cash singt „i’m on fire“ … und die hauptperson cruist durch die stadt und will aus der ödnis der vormaligen existenz raus.

es ist doch die idee des alleinseins.

klassisches feature: fahren, fahren, fahren. autoradio an. musik. und dann kommt „i’m on love“ oder „live is sad“ … und das sind dann immer die „zufälligen“ botschaften des lebens, die dann gar nicht zufällig sind, sondern wirkliche botschaften. und so werden in hunderten von romanen lieder und songs durchgehechelt, als zusätzliches leitmotiv des ganzen. manche setzen einen liedtitel als leitmotiv über jedes kapitel.

das machen die filme doch auch.

es gibt natürlich dieses feature auch hunderttausendfach in filmen. außerdem gibt es ja die idee des „cruisen“ als „road-movie“. meistens ist es eine flucht oder eine suche.

aber so ist nun mal der mensch.

ich gönne es auch domian, also seiner figur arne stahl, dass sie cruisend durch die nacht fährt … und dass musiktitel einen zusätzlichen erkenntnisgewinn ins leben streuen sollen. aber es langweilt mich.

dann bist du so gelangweilt wie domian? von den menschen? ihren verhältnissen? ihren charakteren? von der welt?

vielleicht: alle leute, die eine gewisse durchdringung der welt bekommen, leiden an den fassaden des lebens, die jeden tag beguckt werden wollen … man selber langweilt sich nur. eitelkeiten und dümmlichkeiten stolzieren tausendfach durch die welt.

das kannst du jürgen domian also nicht vorwerfen.

wer redet von „vorwerfen“?! es geht um die literarische verarbeitung und wie ich sie empfand. oft hört man jürgen domian selbst sprechen, aber es ist die figur arne stahl. das ist auch seltsam: man hat das gefühl, dass diese figur seine rolle wandelt. sie ist als arne stahl oft ein wandelndes tagebuch von jürgen domian. auch das wirkt befremdend. entweder ich schreibe über arne oder direkt über domian. (klar ist der schriftsteller immer mit im buch, aber hier streiten sich arne stahl und domian selbst um die hauptrolle im buch, obwohl domian als figur nicht vorgesehen war.)

du meinst dann diese berichte um das herumfahren oder den besuch auf dem friedhof?

genau: da meint man dann: „hey, wir sind nicht mehr in einem roman. hier wird auch nicht mehr arne stahl beschrieben! das buch kippt ja um. hier ist es ein autobiografisches dokument von jürgen domian, welches mit dem uns vorgespielten arne stahl des romans nun sehr wenig nur noch gemein hat.“

ich finde du bist „gemein“.

schön, dass du die worte in ihrer mehrdeutigkeit kennst, die welt in ihrer vieldeutigkeit und das leben in seiner sinndeutlosigkeit.

„sinndeutlosigkeit“? — aber was kann arne stahl dafür?

nichts, nichts, aber ich muss an ihn glauben können, um von ihm lesen zu können. sobald er zu sehr abziehbild wird, vergeht meine zugang zu allem … das buch will ja keine satire sein, es will ja ernst genommen werden, in welchem sinne auch immer.

vielleicht hilft es ja leuten weiter.

ich wollte dem jürgen domian auch nie das schreiben verbieten; ich wollte nur etwas drumherumdiskutieren, um damit zu zeigen, dass ich sein schriftstellertum ernst nehme. sein nächstes buch wird anders sein.

und das wollen die menschen doch, am ende: (halbwegs) ernst genommen werden — so absurd und lächerlich unsere existenz auch ist.

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Jürgen Domian in Siegburg, den erlebt KLAUSENS

klau|s|ens, du hast jürgen domian erlebt.

du doch auch, zweitklausens!

aber du hast live gedichtet, klau|s|ens!

das machen wir doch immer zusammen, zweitklausens: http://www.klausens.com/klausens-und-juergen-domian.htm

was denkst du?

ich denke vieles, die eindrücke sind gemischt.

domian ist jetzt auch schriftsteller.

er hat sein zweites buch vorgestellt: „der gedankenleser“.

wer liest wen? oder: wer liest wessen gedanken?

da ist ein mann, der heißt arne stahl, und dann hört er (eines tages) die gedanken anderer leute, z.b. seiner frau.

ist doch eine nette idee.

das stimmt, aber ich sah so etwas schon in einem spielfilm. egal: die idee wird dadurch natürlich nicht schlecht, aber es ist nicht mehr originär seine. also die idee domians. er hat sie nur neu aufgegriffen.

was macht er dann? damit?

dann lässt er einen blitzschlag erfolgen, damit diese gabe überhaupt zu dieser person kommt, zu arne stahl.

ist das schlecht?

nein und ja: es gibt bestimmte plots, die man so oder so schon 1000-fach gehört hat, und dann langweilt einen das. das fernsehen ist voll von blitzschlägen, unfällen, stürmen, wonach dann etwas so oder so passiert. am liebsten in bergfilmen, wenn z.b. kinder ohne erlaubnis weglaufen, in die berge, wo sie abstürzen, gerne durch einen sturm, oder durch einen wegbrechenden felsen, und müssen dann gerettet werden, damit durch die rettung eine liebe von zwei erwachsenen entweder erst richtig verbunden werden kann oder zumindest geheilt werden darf.

aber so ist das leben! abstürze und blitze und tsunamis und erdbeben kommen wieder und wieder vor.

da hast du gewiss recht, aber ich selber würde dann — so denke ich — wohl eher dazu neigen, im falle des blitzes, der einem das gedankenlesen als fähigkeit erbringt, solche plots nur noch ironisch zu zitieren. oder alles direkt als verrücktes märchen aufzuschreiben. mit kitsch und verschmückung und wildem instinkt für das unglaubliche. domian aber schreibt / schrieb ein ernsthaftes / ein ernsthaft gemeintes buch.

ist das nicht seine stärke?

was seine stärke ist, ist seine moralische kraft. sein bekenntnis zum humanen. zugleich das zugeben, dass dieser mensch / jeder mensch ein verdammt schwaches wesen ist … und dass er selber nach 15 jahren „DOMIAN“ im radio und im fernsehen davon vieles einsehen musste. und nicht glückvoll, meistens. sein menschenbild hat sich durch die gespräche verändert.

ja, zum schlechten, wie er sagt. aber diese ehrlichkeit macht ihn auch sympathisch. er ist eine moralische instanz, die sich und das tun anderer befragt. dafür mögen wir ihn.

und in seinem buch?

und ihn seinem buch? — das muss ich doch fragen, hier, in diesem dialog, um der logik zu folgen.

in seinem buch … da geht es auch darum. um den schlechten menschen. um den schwachen menschen. um den falschen menschen. aber vieles wirkt doch etwas abziehbildmäßig. da sind die figuren nicht wirklich tief, sondern seltsam hohl.

woher kommt das?

ich denke, dass dieser domian (noch?) zu wenig intellektuell und zu sehr human an den menschen klebt. deshalb fehlt ihm der ansatz, den man bräuchte, um die menschen in ihrer zerrissenheit näher an der wahrheit darzustellen. sein buch ist zu klar, zu brav, zu schlicht. es wirkt an vielen stellen folienhaft, typisiert, klischeemäßig. manche einsichten und formulierungen segeln in ihrer schlichtheit am rande von RTL-docufiction-serien.

er will vielleicht andere leute ansprechen als klausens und klau|s|ens und zweitklausens.

gewiss. ich will ihm keine vorwürfe machen. aber ich muss dennoch bestimmte dinge feststellen. wenn die hauptfigur die gedanken seiner frau/partnerin lesen kann, dann sind diese gedanken, so wie sie uns geschildert werden, von einer schlichten eindimensionalität, wie es im menschen aber im eigentlichen nicht funktioniert.

außerdem …

ja?

er geht dann noch hin, so mein eindruck, und transportiert diskussionen und verhaltensweisen aus der schwulenszene auf ein ehepaar.

inwiefern?

das körperliche und leidenschaftliche wird so sehr als unbedingt lebenswert und seinsbedeutend überhöht (dargestellt an an einem mann-frau-paar), dass ich immer denke: das sind die standards vieler homosexuellen, vielleicht auch viele eigenerlebnisse/-beobachtungen in der szene von domian, die er dann hier in ein ehepaar montiert. die idee des männlichen, des stinkenden, des schwitzenden, des wilden, der nacktesten begierde … alles das hat einen sehr hohen stellenwert in diesem buch. aber so schlimm und so holzschnittartig übersteigert ist es dann in der realität solcher ehepaare dann wohl doch nicht.

was passiert denn?

das muss ich wieder fragen, hier in diesem dialog: klau|s|ens, was passiert denn?

die hauptfigur, journalist, gelangweiltes leben, stellt fest, durch die gedankenleserfähigkeit, dass seine frau ihn gar nicht begehrt, sich sogar vor ihm und seinem körper oder auch nur handlungen von ihm ekelt … und die hauptfigur arne stahl hat das nie geahnt. nun kann sie, diese figur, gedankenlesen und ist erschüttert von diesen wahrheiten. das alte leben bricht entzwei, ein neues beginnt.

ein schöner gedanke.

ja, aber diese wahrheiten sind mir viel zu „platt“. auch wie sie geschildert werden. das ist mein problem mit domian als schriftsteller: ich ehre sein tun, bewundere seine radikale kraft zur ehrlichkeit, finde aber seine durchdringung der welt noch zu bescheiden an der oberfläche bleibend.

du meinst, er taucht nicht hinter die tiefen der tiefen, er bleibt nur bei den ersten tiefen?

vielleicht sollte man es so sagen. ja. ja. aber vielleicht fällt mir morgen noch etwas ein.

er las in siegburg?

es sind doch die 31. siegburger literaturwochen. und er ist top act, denn er darf den flyer/prospekt vorne auf dem titel zieren, dieser nunmehr so bekannte jürgen domian.

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