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Weiter vom NS-Prozess gegen Heinrich Boere in Aachen erzählt KLAUSENS

klau|s|ens, gestern ging es um den boere-prozess in aachen – und heute auch? gab es denn noch einen verhandlungstag? zwei hintereinander? tag auf tag?

nein, aber ich wollte doch gestern noch von diesem bart slop weitererzählen. das mache ich jetzt.

das war auch einer von diesen mördern?

ja, und dessen verhörprotokolle zweier verhöre von 1946 wurden gestern im gericht verlesen.

und?

die idee bei einem attentat, 19.7.1944, an dem bart slop beteiligt war, sah vor: fahrt nach apeldoorn, dann nach dem namen fragen. das opfer war ein herr mees. vornamen-initialen a.r.p. – und nach dem geburtsdatum fragen. sie fragen also immer wieder nach namen und geburtsdatum, bevor sie schießen. es soll nie der falsche erschossen werden. alles war ja auch furchtbar geheim. a.r.p. mees war das geplante opfer jedenfalls.

sie fragen also vielleicht so: „sind Sie der herr xy? wann sind Sie geboren?“ – oder: sind Sie am XY geboren?“ … und dann schießen sie?

vielleicht. im fall von herrn mees war es noch anders.

wie?

da hatten sie noch eine teuflische idee mehr. (sie gaben sich übrigens unter der tarnung aus, beamte des crisis controle dienst zu sein: CCD, als sie bei mees klingelten … an der tür. in apeldoorn.)

welche idee hatten sie noch?

einer sollte den brief übergeben. und dann sollte dieser kromhout schießen. so berichtete bart slop in dem verhör.

hendrik (oder henk) kromhout hat doch auch mal mit heinrich boere … mord an kusters, mord an de groot …

ja, ja, diese täter tauchen in immer anderen konstellationen auf, waren aber doch alle zusammen bei dieser „aktion silbertanne“ beteiligt.

und was war nun mit herrn mees?

da sollte ein brief übergeben werden … und wenn der arme mensch den brief entgegennimmt oder öffnet oder so, dann wird der eine mörder schießen. (man ist ja dann abgelenkt. der brief wäre also ein klassischer ablenker. taschendiebe arbeiten ja auch so. eine person sagt: „ihre tasche hat ein loch“, das opfer ist abgelenkt, und die andere stiehlt dann. oder auch derselbe, der das sagte. – ablenken ist klassisch, wenn man böses will.)

sie haben sich also noch überlegt, wie sie am besten töten?

so kann man sagen. kromhout hat dann als erster geschossen, und dann auch bart slop. ich weiß nicht, wer alles dabei war. (offenbar auch ein adolf de man, wie wir weiter unten sehen.) bart slop gibt in seiner vernehmung ja auch nur die eine variante der ereignisse wieder.

und heinrich boere?

der war bei dieser aktion nicht dabei. (aber 5 tage vorher: mord an bicknese, andere böse mordaktion.) es geht um ein prinzip: meist zwei autos, losfahren, zu der adresse, wo man das opfer vermutet. dann klingeln, sofern nötig. nach dem namen fragen, nach dem geburtsdatum fragen. oder sich der person richtig versichern, irgendwie. vielleicht gar den ausweis holen lassen. und dann schießen. – bisweilen aber noch etwas anderes zur ablenkung herumbauen, wie den vermeintlichen brief. (es sollte ja schnell gehen … und geheim. der mord blieb nicht geheim, aber wer es genau war, das sollte niemand erfahren.)

und?

„Op 19 juli 1944 werd Mees in de deuropening van zijn woning aan de Genistalaan in Apeldoorn neergeschoten door twee personen. Hij overleed later op de avond in het ziekenhuis. De moordaanslag op Mees was een vergeldingsactie voor de liquidatie door het ondergrondse verzet van de N. S. B. ‚er Maalcke. Deze was tijdens de bezetting directeur van het arbeidsbureau aan de Emmalaan in Apeldoorn. Deze vergeldingsaanslagen van de bezetter op goede Nederlanders staan in de geschiedenis bekend onder de naam Silbertannemoorden. Mr. Mees was ook beslist geen vriend van de Duitse overheersers. De lafhartige moord werd gepleegd door de Nederlander Adolf de Man en enkele handlangers van hem. In 1950 werd de Man bij verstek tot levenslange gevangenisstraf veroordeeld. De Man woonde na de oorlog in het Duitse stadje Hegge. Mees is op het plaatselijke kerkhof aan de Apeldoornseweg begraven. Gelukkig is er een straat naar hem vernoemd. Uit eerbied en erkentelijkheid. Mr. A. R. P. Mees heeft heel veel goeds gedaan voor Vaassen. Dat mogen we niet vergeten.“ QUELLE: homepage der gemeinde vaassen.

das ist ja niederländisch?

na und: die taten geschahen in den niederlanden, und die mörder sprachen wohl niederländisch untereinander, zumindest bei diesem „kommando feldmeijer“. da müssen wir diese sprache auch mal original hören. das gehört schon dazu, wenn man einen prozess führt, der deutsch-niederländische interkulturelle faktoren auch beinhaltet.

und woher hast du das?

das ist von einer homepage der gemeinde vaassen (steht doch oben.), wo es offenbar eine meesstraat gibt. nach diesem mann benannt. nach dem opfer benannt. ein gewisser frek bomhof (vielleicht ein lokalhistoriker in vaassen) hat fakten zu herrn mees niedergeschrieben. oben das stück handelt von jenem attentat. (vaassen liegt zwischen apeldoorn und epe.)

warum geschah es?

oben in der quelle steht, es war eine vergeltungsaktion der nazis wegen dem widerstandsattentat auf den NSB-ler maalcke. der hauptschütze beim attentat auf mees soll ein adolf de man gewesen sein, der dann 1950 zu lebenslang verurteilt wurde, er soll nach dem krieg in deutschland, in hegge (landkreis höxter) gewohnt haben. (das attentat gegen mees war ja nur 5 tage nach dem attentat auf den apotheker bicknese, bei welchem boere beteiligt war.)

war er nun im gefängnis oder nicht? der schütze, der auf mees …?

dieser adolf de man? das geht aus den angaben der homepage nicht hervor. vielleicht hat sich ja adolf de man wie auch heinrich boere irgendwie nach deutschland abgesetzt und blieb dann ewig unbehelligt. das müsste man nachrecherchieren.

es gäbe so viel zu recherchieren.

ich weiß. aber heute haben wir wieder etwas gelernt. wir haben zwei weitere täternamen, die wir auch nicht vergessen: bart slop und adolf de man, und wir haben ein opfer, dass wir als a.r.p. mees kennen, nach dem in vaassen eine straße benannt wurde und der auf dem friedhof am apeldoornsweg dort begraben liegt. mees wurde am 25.8.1883 geboren und starb durch einen gemeinen und heimtückischen mord am 19.7.1944. (übrigens nicht sofort, sondern er erlag abends an den folgen der vielen schüsse.) das opfer werden wir erst recht nicht vergessen.

die welt ist so verdammt schlecht.

halt. es gibt noch anderes: so fand ich informationen über einen niederländischen nazijäger namens jack kooistra, der in leeuwarden wohnt(e). der soll leute wie (obigen) adolf de man oder gerardus weimar oder klaas epskamp oder herbertus bikker aufgespürt haben. es gibt also auch diese seite: die aufarbeitung nach dem krieg und die leute, die keine ruhe geben. kooistra nennt man auch den wiesenthal der niederlande, aber er hat 2005 offiziell bekanntgegeben, dass er mit seiner tätigkeit als „spürhund“ nun aufhört. er muss ein großes (privates) archiv über opfer und täter haben, alles aus der und über die NS-zeit in den niederlanden.

was war denn mit bikker?

das war doch der „henker von ommen“, ein ganz brutaler fieser mensch, der zum tode verurteilt war, aber 1952 nach deutschland fliehen konnte und dort in hagen lebte. (so wie boere). schließlich wurde – wie bei boere – das verfahren nach jahrzehnten dann doch begonnen. 1993 aufgespürt bzw. entdeckt begann das verfahren dann jahre später. aber …

was aber?

man musste das verfahren einstellen, wegen „verhandlungsunfähigkeit.“ der prozess wurde quasi abgebrochen. 2004 war das. und 4 jahre später ist bikker gestorben, ohne in deutschland abgeurteilt worden zu sein. der „henker von ommen“ kam glimpflich davon.

dann ist die welt nicht gerecht?

nie! es gibt massig NS-täter, die sogar vollkommen unbehelligt lebten. – wir können nur hoffen, dass die angst vor der entdeckung, ihnen das leben zur hölle machte.

was heinrich boere wohl denkt oder fühlt oder glaubt oder meint?

er äußert sich ja nicht.

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Brav besucht KLAUSENS weiterhin den NS-Mordprozess gegen Heinrich Boere in Aachen

klau|s|ens, prozesstag 15.

ja, ein kurzer.

wieso?

es gibt nichts mehr zu verlesen, der einzige lebende zeitzeuge ist gehört (bestemann bzw. besteman in rotterdam), wichtige dokumente (die neu entdeckten oder zumindest neu von der nebenklage eingebrachten von letzter woche!) müssen noch übersetzt werden.

hat nicht die verteidigung von boere etwas zu dem gesagt, was die nebenklage will? vor eine woche? diese neuen dokumente aus dem archiv in maastricht. die verhörprotokolle? hat sie nichts dazu gesagt?

die verteidigung von heinrich boere (oder hendrik boere, denn niederländisch HENDRIK meint deutsch HEINRICH) wollte sich zu den dokumenten noch nicht äußern, sondern erst die übersetzung ins deutsche abwarten.

liegen die dokumente denn komplett auf niederländisch in aachen vor? diese verhörprotokolle über die razzien in helden-panningen?

ja, maastricht hat sie schnell nach aachen geschickt: die amtshilfe deutschland-niederlande bzw. umgekehrt klappte offenbar sehr gut.

und nun?

nun wusste heute beim prozess in aachen niemand recht weiter: für die plädoyers war es noch zu früh, denn dazu muss ja die beweisaufnahme samt zeugenvernehmung und beweisanträgen et al. komplett beendet sein, offiziell … aber ansonsten ist derzeit wohl nichts neues in diesem prozess zu tun. wir bekamen noch ein paar termine für weitere prozesstage, die bis 24.3. reichen (tag des urteils?). aber mehr war nicht.

dann ginget ihr nach hause? ohne alles? ein gerichtstag ohne jede aktion?

nein, die verteidigung hatte dann doch noch einen antrag in petto. sie wollte, dass ein verhör von einem bart slop, ein mittäter dieses silbertanne-kommandos, verlesen wurde … und dadurch bestandteil dieses prozesses wird.

und?

es geschah, denn ansonsten wären wir völlig sinnlos an diesem prozesstag in aachen gewesen.

man verlas?

ja, man verlas das verhör, welches die verteidigung wünschte, aber auch noch ein weiteres, welches ebenfalls vorlag. beide verhöre sind von ein und demselben täter, von einem mitglied der waffen-SS (1941) … und ab 1944 mitglied der SS in den niederlanden: bart slop. einer wie boere. (15.2.1946 und 2.4.1946, S. 350 ff. bzw 50 ff., sonderband I der prozessakten.) wir hörten also zwei – eher kurze – zusammenfassungen von verhören, die irgendeiner von der justiz oder der polizei oder wem immer damals machte. im gefängnis zu arnhem (= deutsch: arnheim), denn da saß dieser bart slop wohl ein. da befragte man ihn zweimal.

was erhofft sich die verteidigung?

sie meint, dass u.a. der text dieses einen verhörprotokolls (wir hörten dann ja 2 protokolle) beweist, dass die mörder des kommandos feldmeijer mit dem tod oder mit KZ bedroht wurden, sofern sie die befehle nicht befolgten oder die geheimhaltung verletzten. die verteidung hat ja als linie: boere gibt 3 morde zu, aber er musste sie ausüben, da er sonst selber von seiner eigenen SS (oder dem SD in der SS oder weiteren gliederungen, derer es ja unübersichtlich viele gab) umgebracht worden wäre. oder in ein KZ gekommen wäre.

ging das aus den verhörprotokollen hervor?

nur bedingt. oder eher: kaum. der anwalt der nebenklage, also der nachkommen der opfer der morde, heiermann, meinte nachher sehr klar: wenn überhaupt, dann ging es in den protokollen nur um die androhung von strafe bei verletzung der geheimhaltung. aber morden = menschen umbringen, das taten doch alle bei dieser feldmeijer-truppe offenbar eher sehr freiwillig. (die haben in einem fall sogar mal hölzchen gezogen, wer beim morden dableiben muss, weil die autos nicht genug plätze hergaben.)

was denkst du?

ich denke, dass verhörprotokolle von 1946 leider heute nicht mehr durch nachfragen zu verifizieren sind, zumal der verhörte, bart slop, vielleicht (oder sicher) tot ist. – bei jedem verhör gilt zudem, dass die täter sich damals wohl auch zu schützen versuchten. und es liegt nahe, dass man 1946 als verhafteter dann immer dreist sagt: „ich musste es tun!“ diese schutzbehauptung ist immer gut.

meinst du?

und wenn bart slop das also gesagt hat, 1946, dann muss es noch nicht gestimmt haben. zumindest nicht so, wie er es behauptet. man muss ja alle dokumente querlesen … und vergleichen und sich daraus eine meinung bilden. (und man muss wissen, wie die NS-besatzer insgesamt gehandelt haben, und ob überhaupt jemals menschen aus der SS oder aus dem SD oder aus der landwacht oder der SIPO umgebracht wurden, weil sie einen mord nicht ausführten. ich bezweifele, ob es quellen gibt, die beweisen können, dass man innerhalb der „germaanschen SS“ der niederlande die eigenen leute umgebracht hat, weil diese nicht mehr voll mitmachen wollten. aber das sollen die historiker uns erzählen. vielleicht gibt es ja einen fall, oder zwei. aber so groß wird die angst nicht gewesen sein, meine ich, nach dem, was ich bislang dazu in diesem prozess und außerhalb hörte.)

wer ist dieser bart slop?

er ist einer von den circa 15 leuten (ich müsste sie mal alle namentlich erfassen und dann zusammenaddieren. aber ich habe die akten dazu leider nicht.), die bei diesem „kommando feldmeiejer“ aktiv waren und die doch gezielt „repressalaktionen“ durchführten, besonders dann, wenn einer der NS-ihren durch den widerstand mutiger niederländer ums leben kam oder zumindest durch ein attentat verletzt wurde. das war ja dann knallhart: ein toter deutscher, und dann sollten gleich mehrere niederländer als rache dran glauben.

und bart slop?

bart slop, geboren am 24.6.1914 in rotterdam, damals dann wohnhaft in voorburg (heute teil von leidschendam-voorburg), mitglied der „Germaanschen SS“ in den niederlanden, bis 4.11.1941 beamter bei einer behörde vom ministerium „economische zaken“ (wirtschaftsministerium) in den haag, ab 5.11.1941 waffen-SS (freiwilig gemeldet), kam 1941 nach zwischenstationen, u.a. wohl in klagenfurt und/oder graz, an die ostfront; nach verwundung 1944 zurück in die niederlande, im april wohl, dann auch im jahr 1944 wurde er ins „sonderkommando feldmeijer“ berufen (oder abkommandiert? oder hat er freiwillig sich dorthin gemeldet? das ist eine der fragen, die diesen boere-prozess begleiten). beteiligte sich während der „aktion silbertanne“ wohl an den morden an j. de vries, dr. josua bromet und dirk ubbels.

und?

morgen erzähle ich dir mehr zu einer aktion von bart slop. ich bin jetzt müde von allem. immer mord, mord, mord.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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Zu den Neu-Mord-Vorwürfen gegen Heinrich Boere im NS-Kriegsverbrecherprozess zu Aachen schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, mit jedem deiner beiträge über heinrich boere und den prozess gegen ihn im landgericht aachen (justizzentrum aachen), wächst auch die zahl deiner kunstwerke.

es sind immer neue überlagerungen und veränderungen, ein stetiger prozess.

dann entstehen also nicht nur die LIVE-gedichte, sondern auch eine art künstlerischer zyklus.

das ist ja das fatale: man arbeitet sich an allem ab, jahrzehnte, jahrhunderte, und wieder ab, und wieder ab – und dann kommt schon das neue hinzu. die menge wird immer größer und größer. verbrechen um verbrechen. und zu viele gegen die menschlichkeit.

du meinst, wir sind mit den alten verbrechen noch lange nicht „klar“, und doch passieren täglich neue schandtaten auf der welt, die wir dann auch noch „bearbeiten“ müssen, oder verarbeiten, oder irgendwie verstehen?

es ist unendlich: das ist das menschliche fatum. – und dann haben wir noch ereignisse wie die STASI-debatte, wo es nicht um völkermord ging, gewiss, aber doch um morde … und viele ruinierte leben.

und die täter und täterinnen führen auch noch teilweise angenehme leben.

das geht ja hinein bis in die parlamente. wir nehmen mal den landtag von brandenburg. dort sitzen ja STASI-mitarbeiter, wobei natürlich die schuld in jedem einzelfall zu klären ist. mitläufertum ist aber auch schon eine form von schuld, um auch das klarzustellen.

wir aber sind immer noch mit den NS-verbrechen befasst.

wir müssen das eine tun und das andere nicht lassen.

die NS-verbrechen sind vom ausmaß die unfasslichsten.

sicher, und deshalb sollten wir auch in der nachspürung aller täter am konsequentesten sein. das ist ja auch die große narbe dieses nachkriegsdeutschlands: wir haben diese unermesslichen verbrechen … und wir haben die nichtverfolgung dieser verbrechen und verbrecher durch die deutsche justiz der 50er, 60er, 70er, partiell auch der 80er jahre.

aber nun scheint alles anders zu sein.

nun gibt es kaum noch lebende täter.

war es nicht richtig, dass shimon bzw. schimon peres, der israelische präsident, dann am auschwitz-gedenktag (zur befreiung des KZ am 27.1.1945) im deutschen parlament dazu aufrief, die täter weiter zu verfolgen?

oh ja! ich zitiere aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 28.1.2010, seite 1: „Peres, dessen Großvater von den Nazis ermordet wurde, beklagte, dass Täter auch in Deutschland immer noch unbehelligt lebten. Ans Parlament gewandt forderte der Präsident: ‚Bitte, tun Sie alles, um sie einer gerechten Strafe zuzuführen.‘ “

das war am 27.1. – und am 28.1. war dann der 14. prozesstag gegen heinrich boere.

genau: und absichtsvoll kamen dann die vertreter der nebenklage einen tag nach dem gedenktag zur befreiung von auschwitz mit neuen fakten zu boere.

eben: sie kamen mit dieser razzia in helden-panningen am 17.5.1944 (wo boere bei war), und mit aktionen vor dieser razzia von 3 undercover-agenten (wo boere bei war) … und sie konnten für 7 personen nachweisen, dass sie in dieser razzia verhaftet wurden und dann hernach durch die qualen der nazis den tod fanden.

und dann haben sie gesagt: wir zeigen heinrich boere wegen mordes an.

sie meinten damit dann 7 neue fälle, in denen sie der meinung sind, dass boeres verhalten ursächlich ist, dass diese niederländer dann als zwangsarbeiter oder im KZ … oder auch durch die entkräftungen unmittelbar nach der befreiung jeweils den tod fanden.

es geht also darum, dass boere einerseits 3 menschen heimtückisch umbrachte (die opfernamen de groot, kusters und bicknese seien in erinnerung gerufen) …

… und es geht darum, dass boere noch weit mehr war, als einfach „nur“ ein befehlsausführender! denn an einer 3-köpfigen undercoveraktion sich zu beteiligen, die dann zu einer razzia führt, die dann in der folge einige menschen (wahrscheinlich ja mehr als diese mit todesdatum zu recherchierenden 7) in den sicheren tod dann befördert … das ist ja doch schon eine aktive und wichtige funktion im NS-besatzungsapparat der niederlande.

es geht immer um die taten, um die täter und um die opfer. alles muss beschrieben und erfasst werden. nichts darf vergessen werden. und alle täter müssen einer gerechten strafe zugeführt werden.

aber kann man den boere für diese tode verantwortlich machen?

aber ja, aber ja: alles tun hat konsequenzen. deshalb muss man das hernach immer mitdenken.

du meinst wie bei denen, die bei den deportationen aktiv halfen?

das ist eine lange liste von menschen, in unterschiedlichen funktionen. du hast immer die am schreibtisch, die dokumente zeichnen und persönlich befehlen. die sitzungen leiten, sitzungen besuchen. die, die zustimmen und ja-sagen und geschehen lassen. (denke doch nur an die wannsee-konferenz!) dann hast du die umsetzer. und du hast die, die dann die menschen direkt in die waggons hintreiben, die sie nachher hinausholen. und die, die sie zum schluss in die gaskammern jagen. diejenigen, die für das gas verantwortlich sind. diejenigen, die die krematorien erbauen. überall sind menschen am werk (teils ja auch gefangene, die dazu gezwungen wurden). und jede tat ist genau zu bemessen. da muss man die dinge schon aufklären und länger über alles nachdenken. (zumal alle nachher behaupten: „ich habe ja nicht gewusst, dass die deportationen den tod bedeuten würden und dass die menschen vergast würden.“ das ist ja der klassiker, auch im kölner prozess war das so.)

hat der lischka deshalb nur 10 jahre bekommen?

du meinst, kurt lischka (urteil 10 jahre, der ja so schön in köln-holweide wohnte) und ernst heinrichsohn (urteil 6 jahre) und herbert m. hagen (urteil 12 jahre). die 3 männer vom sogenannten „lischka-prozess“ von 1979 in köln? wo serge klarsfeld die nebenklage vertrat?

ja, ja, das und die meine ich.

du musst immer noch die tat (bzw. die taten) nachweisen oder die beteiligung an der tat oder die planung der tat oder das zulassen der tat. oder das wissen. es hängt immer auch alles von der beweislage ab. dafür haben wir ja nun nach 1945 unseren rechtsstaat. zum glück. – aber immerhin sind sie verurteilt worden, nachdem serge und beate klarsfeld sie aufspürten.

und boere?

ich denke, dass dieser 28.1.2010 im boere-prozess eine wichtige stunde war, die irgendwo bei den recherchen der klarsfelds und von siemon wiesenthal anknüpft … und die auch die mahnung von schimon peres (siehe oben) aufgreift: allen tätern, die frei rumlaufen, muss der prozess gemacht werden … und dann müssen alle taten öffentlich gemacht und beleuchtet werden. insofern ist es wichtig zu wissen, was boere tat und woran boere aktiv teilnahm.

und die menschen von helden-panningen?

die werden neues lernen über ihre widerständischen helden. der name scheint ja wirklich zu passen, auch wenn helden-panningen seit dem 1.1.2010 zur neu genannten gemeinde „peel en maas“ wurde, zusammen mit anderen kleinen orten. der name „helden“ wird nicht verschwinden.

LIVE-GEDICHTE: KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

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Über neue Fakten im NS-Prozess, also im Heinrich-Boere-Prozess, am Landgericht Aachen schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, beim boere-prozess gab es einen kleinen „paukenschlag“?

ja, es kam neue bewegung in den sachstand des wissens um die fakten der NS-verbrechen in den niederlanden am beispiel des täters heinrich boere.

was genau?

die anwälte der nebenklage, also die vertreter der nachkommen der opfer dieser NS-morde von 1944 … die haben nun mit hilfe von anderen aktiven menschen neue akten ausgegraben.

worum geht es?

es geht immer noch um die frage, wie man drei morde an widerständischen niederländern zu bewerten hat, die von der SS bzw. dem SD (und anderen instanzen) in den niederlanden verübt worden. die morde an bicknese, de groot und kusters. beispielhaft geht es in diesem prozess um diese 3 morde von boere.

hat heinrich boere denn nicht diese 3 morde zugegeben?

doch, das hat er. (allerdings erst mitten im prozess, nicht direkt zu anfang.) aber er beruft sich auf die pflicht des befehlsnotstandes. er argumentiert also so, wie es soldaten tun: hätte ich nicht geschossen, hätte man mich erschossen. so läuft zumindest der strang der verteidigung. boere selber sitzt im rollstuhl und schweigt.

und nun?

nun werden neue fakten zu dem puzzle „boere“ hinzugefügt: man muss ja auch diesen heinrich boere in seiner nähe zur waffen-SS, zum SD, zur GESTAPO, zur NSDAP bzw. NSB … und zur NS-besatzungsmacht der niederlande insgesamt erschließen.

das verstehe ich, zumal ja alle angaben zu seinem lebenslauf so erschreckend dünn sind. er hat selber so wenig erzählt (bzw. von seinen anwälten verlesen lassen), dass man es sowieso nicht glauben konnte. so wenig weiß kein mensch über sein leben!

genau so: alles, was wir von seinem leben wissen, ist sehr dürr. dabei gibt es bestimmt viele quellen und dokumente, die anzuzapfen wären.

und nun?

nun hat man gezapft, z.b. in maastricht, regionalarchiv limburg, da ist man fündig geworden.

was bekam man heraus?

man fand heraus, dass dieser heinrich boere schon am 8.2.1943 offiziell als sympathisant des NSB geführt wurde, der niederländischen variante einer NSDAP, und am 4.5.1943 wird er sogar mitglied.

aha, er ist also mehr als „nur“ mitglied der waffen-SS? und „nur“ mitglied des „kommandos feldmeijer“?

oho, ja, ja: der mensch boere zieht erst freiwillig mit der waffen-SS (division wiking etc.) an die ostfront, dann kommt er zurück, dann hat er wohl als ableser für die kommunalbehörde gearbeitet (ein idealer spitzeljob für böse zwecke! man hat ihn da bestimmt nicht ohne grund angestellt!), dann ging er in die oder den NSB (nationaalsocialistische beweging) … und er ging auch am 14.1.1944 offiziell in die landwacht, siehe altes propaganda-material (video/fotos) hier, den bewaffneten arm der/des NSB, bis dann die „aktion silbertanne“ anlief, bei der dann gezielt gemordet wurde.

das ist ja eine ganze menge.

eben: das wurde alles schön verschwiegen. aber so rundet sich das bild eines bewussten und aktiven täters ab.

und?

dann haben sie noch herausgefunden, dass boere an einer razzia beteiligt war, am 17.5.1944, in helderen-panningen, und dann wurde da 52 menschen verhaftet, und einige davon gingen in den sicheren tod via zwangsarbeit oder KZ … oder beides.

eine razzia?

man vermutete, dass in helden-panningen viele untertauchen konnten, aus dem widerstand, auch leute, die sich absetzten, und dann wollte man dieses „nest“ ausheben. boere war dabei. (später gab es noch zwei razzien in helden-panningen, bei einer wurden dann 800 leute festgenommen, das war die sogenannte „kerkrazzia“ = kirchenrazzia.)

bei einer razzia war er dabei? mit 100 oder 120 anderen bewaffneten NS-leuten?

halt, vorher noch war der heinrich boere schon aktiv. und da war einer von dreien, ganz wichtig also! er hat diese razzia vom 17.5.1944 vorbereitet, indem er einige tage zuvor mit zwei anderen (mit dem fahrrad wohl) schon in dieses dorf gefahren ist … und hat sich ganz „undercover“ als jemand vom widerstand ausgegeben, der nun untertauchen müsse.

er ist also in die rolle eines widerständlers geflüchtet? er hat alle betrogen und belogen?

ja, und dann hat man ihn auch noch aufgenommen. er durfte bei bauern schlafen! so helfend waren die menschen dort!

die dachten, boere sei einer von ihnen? einer gegen des NS-regimes?

sie boten unterschlupf für die, die vor den nazis fliehen  wollten. (sie wussten nicht, dass boere „undercover“ kam.) helden-panningen scheint ein bewundernswertes dorf gewesen zu sein.  und genau diese – anständigen – leute des NS-widerstandes von unten, die wurden dann von boere und seinen 2 mitspionen hernach knallhart verraten. und dann kam wenige tage später diese razzia vom 17.5.1944.

das sind ja abscheuliche geschichten.

es hat wieder etwas von schlechten krimis, die auf RTL II sonst laufen. aber es scheint die wahrheit zu sein.

und das alles erschließt sich aus den neuen akten?

ja, die verteidiger hartmann und heiermann haben zusammen mit den ungenannten helfern (bei denen sie sich im prozess noch ausdrücklich bedankten) viel – neues – material zusammengetragen. (tolle leistung! kompliment an alle!)

das belastet boere?

sicher: denn es geht ja um die „schwere der schuld“ (und um die schuld als solche auch) – und wenn boere behauptet, er sei ein kleines rädchen gewesen, dass mehr oder minder unwollentlich taten ausführte, aber nicht anders konnte, weil man ihn sonst selber abgestraft hätte … oder erschossen hätte … und wenn nun rauskommt, dass boere mehrfach und zudem überaus aktiv war, für die NS-bewegung in den niederlanden, und das sehr bewusst, und sehr vielfältig, zusätzlich zu den morden noch, dass es also wie ein langer strom der ketten von übeltaten war, dann steht seine person in einem anderen licht da.

ich erinnere mich an serge und beate klarsfeld.

ich auch: die haben doch leute wie den lischka und den hagen und den heinrichsohn aufgespürt, die dann in köln 1979 vor gericht kamen. (barbie ja später auch. der kam in lyon vor gericht.)

scheinbar redliche deutsche, die sich da tarnten und im normalen alltag lebten, obwohl sie grauslichste verbrechen begangen hatten. prokurist einer getreidehandlung in köln – das war der kurt lischka später, nach dem krieg! bis die klarsfelds kamen. er lebte da unbehelligt ein scheinbar normales leben. dann wurde er 1971 aufgespürt und erst 1979 kam es zum prozess in köln: 10 jahre haft. (es ging dabei um aktive beteiligung an der deportation und ermordung von mindestens 40.000 juden.)

aber die klarsfelds spürten diese täter auf. ansonsten …

genau. lischka musste dann wenigstens in haft. nach seiner haft, die er nur teilweise absitzen musste, lebte er noch in einem seniorenheim in brühl.

boere lebt doch auch im seniorenheim! er ist aber für seine taten noch nicht belangt worden!

und boere ist jetzt einer von der unteren täterschiene, aber – so sieht es ja auch – offenbar alles andere als ein „zufällig hineingeratener“.

nein, boere war wohl einer der bewusstesten aktiven. er wurde nach dem mord an den apotheker bicknese offenbar auch zum hauptscharführer befördert. da kommen viele dinge zusammen.

und das alles hat man nun erst aufgespürt?

ich sage: dazu sind solche prozesse doch da!  die geschichte neu bearbeiten! fakten ans licht! fakten neu bewerten! die geschichte betrachten! die täter! die taten! die hintergründe! und endlich ist auch neues material nach oben befördert worden, was man so – in der öffentlichkeit zumindest – nicht kannte.

woher sind diese informationen zu den razzien?

man hat 1947 wohl opfer der razzien befragt, die dann davon berichtet haben. davon gibt es vernehmungsprotokolle. und man hat jetzt allen biographien der personen nachgespürt, die bei diesen razzien festgenommen wurde, zumindest bei dieser besagten am 17.5.1944.

und?

das habe ich doch schon gesagt: da sind einige tot, und die geburtsdaten und die todesdaten und die namen dieser opfer wurden von den anwälten heiermann und hartmann im gericht vorgetragen. das war eine große stunde: das man die namen der toten vorträgt. denn diese sind ja ermordet worden, nachher in deutschland. oder an den folgen der untaten an ermattung gestorben. und diese namen wurden verlesen. so hat man ihnen eine art symbolisches denkmal gesetzt. (ich hoffe, dass man diesen opfern in helden-panningen einen gedenkstein setzten wird oder schon gesetzt hat. und allen überlebt habenden helfern natürlich, die damals so mutig gewesen sind.)

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Noch etwas zur Zeugenvernehmung im Prozess gegen Heinrich Boere schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, du wolltest noch etwas nachschieben, zu dieser vernehmung von freitag?

ja, denn es geht ja in dem prozess gegen heinrich boere in aachen wegen NS-kriegsverbrechen (oder auch NS-verbrechen) nun auch um die frage, „befehlsnotstand“ oder nicht.

seitdem boere die morde zugegeben hat (3 an der zahl), geht es in dem prozess nur noch um die bewertung der taten. „nur noch“ sei in anführungszeichen zu verstehen.

was wollte man dann von dem anderen, diesem jacobus peter bestemann aus rotterdam, wissen?

dieser zeuge erinnert sich, wie wir gestern schon sagten, absichtsvoll oder absichtslos an kaum etwas. seine aussagen von freitag sind also mit großer vorsicht aufzunehmen.

du meinst, alte protokolle von verhören in den niederlanden von 1945 oder 1946 oder auch 1949 sagen mehr?

gewiss. aber dennoch wurde am freitag dieser lebende zeuge im alter von 88 jahren befragt, der ja ein bereits verurteilter mittäter ist.

aber was kann man fragen?

genau das war zu spüren: man fragte nun sehr oft um den neuen kern herum. man fragte, ob er so handeln musste, ob er so handeln wollte. aber diese fragen waren sehr weiträumig, kreisend, vorsichtig, dezent nachbohrend, aber überaus klug und bewusst.

was kann man fragen?

folgendes:

– haben Sie selber jemals repressalien erlitten, weil Sie in diesem kommando feldmeijer waren?

– hat man Ihnen jemals angedroht, Sie würden in ein konzentrationslager kommen, wenn Sie die befehle nicht befolgen?

– haben Sie gehört, dass irgendwelche mitglieder des kommandos feldmeijer bedroht wurden?

– mussten Sie die befehle ausführen?

– was hat man Ihnen angedroht, für den fall, dass Sie die befehle nicht ausführen?

– hat man Ihnen etwas angedroht, falls Sie die befehle nicht ausführen?

– hatten Sie angst, die befehle auszuführen?

– wer gab denn überhaupt die befehle?

– sind Sie selber jemals bedroht worden?

– wollten Sie die befehle ausführen?

– ist Ihnen bekannt geworden, dass einem angehörigen des kommandos feldmeijer etwas angetan wurde, weil er einen befehl nicht ausführen wollte?

– hatten Sie angst, dass Ihnen etwas passiert, falls Sie diese morde nicht begehen?

und so weiter – man kann so etwas alles fragen und fragen und fragen. jede frage mit einem anderen tonfall. und fragen dieser art hörten wir am freitag.

und die einen fragen anders als die anderen.

eben: die staatsanwaltschaft (und die nebenklage) fragt mehr so, dass wohl nichts passierte (und auch nichts passiert ist), wenn man diese untaten nicht ausführte. und die verteidigung von boere fragte eher so, dass es ein „befehlsnotstand“ gewesen sei.

beide seiten sind also interessengesteuert. in ihren fragen.

es geht ja um den prozesskern. dennoch fragen beide seiten eher neutral – aber man merkt dann doch, worum sich die fragen drehen.

was hat bestemann denn dazu gesagt?

er hat etwas gesagt wie: ich musste es tun. und etwas wie „alle waren bang!“ (alle hatten angst!). aber das war doch sehr vage. und dass jemand in ein KZ gekommen sei, weil er befehle der waffen-SS nicht ausführte, davon hatte er auch nichts gehört.

dann gab es diese vorfälle wahrscheinlich nicht.

wahrscheinlich haben alle brav und wissentlich und wollend die befehle ausgeführt, weil sie sich auch mit diesen befehlen identifiziert haben. die haben sich ja auch mal freiwillig zur waffen-SS gemeldet. sind dann in den krieg gezogen, kamen verletzt zurück in die niederlande. und dort haben sie dann an den morden gegen antideutsche „widerständige“ niederländer mitgemacht. (bestemann tat so, als wäre er dann 1944 zum kommando feldmeijer zwangsverpflichtet worden … und hätte gar keine andere wahl gehabt, als da mitzutun.)

dann sind wir beim alten klassiker: was ist schuld? wann fängt sie an? was ist verbrechen? wann fängt es an? wann ist eine organisation verbrecherisch? ab wann werde ich zum verbrecher? was bedeutet es, sich freiweillig so einer organisation anzuschließen? und gilt das „freiweillig“ auch noch 3 jahre nach dem eintritt – oder kann man dann behaupten: „ich kam da nicht mehr raus!“ ???

so in etwa wollte bestemann in seinen vagen äußerungen am freitag die dinge erscheinen lassen.

der richter fragte ihn auch nach einem mann wie van den berg. das war wohl einer aus der feldmeijer-truppe, der dann auf einmal verschwunden gewesen sein soll. so konnte man wohl den akten entnehmen oder den verhören von damals. dieser van den berg soll dinge rumerzählt haben, die geheim bleiben sollten. und dann soll er verschwunden sein. aber selbst dazu, was ihn – bestemann – ja eventuell hätte entlasten können, wusste er nichts rechtes zu sagen.

dannn blieb es bei einem überaus allgemeinen „da waren wir bang voor!“ (da hatten wir angst vor.), für den fall, dass man aktionen nicht ausführte … und was dann eventuell mit einem passieren konnte.

ja, wie ich schon sagte: die aussagen von bestemann am freitag hatten eigentlich keinerlei aussagekraft, außer der, wie man im alter die dinge verklären will, die man als junger mann beging … und zu denen man sich schon sehr dezidiert mal geäußert hatte … und für die man dann ja auch verurteilt worden war … und für die man 13 jahre in haft saß.

was sagt uns das?

schon beim nächsten prozesstermin kann es zum beginn der plädoyers kommen. es geht also um die bewertung der mitgliedschaft in einer verbrecher- und mörderbandengruppe wie „kommando feldmeijer“ als teil der SS/waffen-SS in den niederlanden. waren das arme zwangsrekrutierte oder bewusst und aktiv handelnde untäter? was stimmt mehr? welche bewertung der historischen fakten ist die glaubwürdige(re), nach allem, was man bislang weiß?

und was wird dann?

es bleibt die frage: wird das gericht boere wegen der morde nun verurteilen? – oder werden diese morde als militärische zwangshandlungen eines armen irregeleiteten waffen-SS-rekrutierten bewertet? oder liegt es dazwischen? irgendwo? war boere überzeugter mordender im dienste eines wahnsinnigen NS-unterdrückungssystems oder ein fremdbestimmter zwangshandelnder, der lieber friede, freude, eierkuchen für alle menschen gehabt hätte?

du wirst ironisch! – und bedenke: boere war ja kein SS-oberboss!

eben, das kommt ja noch hinzu: wir bewerten hier die taten niederer dienstränge.  dennoch: es bleiben taten. es bleiben heimtückische, bösartigste morde. es muss immer jemand schießen, in diesen befehlsketten.  und ein SS-sonderkommando ist etwas ganz anders … als ein infanteriestoßstrupp.

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Ein Videoverhör im Heinrich-Boere-Prozess in Aachen erlebt KLAUSENS

klau|s|ens, gestern gab es doch das videoverhör bei dem prozess in aachen gegen heinrich boere.

bei diesem NS-kriegsverbrecherprozess wurde gestern ein mittäter befragt. einer, der noch lebt. jacobus peter bestemann. wohnhaft in rotterdam.

also auch ein alter mann?

zwei alte männer, aber beide sind mordtäter der SS bzw der waffen-SS bzw. des sonderkommandos feldmeijer.

und der eine ist verurteilt, der andere nicht?

bestemann musste von 1945 bis 1958 13 jahre in haft, in den niederlanden. und boere nicht, denn er lebte ja in deutschland. ab 1954 sogar als „ordentlicher“ deutscher. gegen ihn wurde das niederländische urteil von der todesstrafe, später umgewandelt in lebenslang, nie angewandt.

dann trafen gestern zwei aufeinander, wovon einer verurteilt wurde, der andere nicht? da muss einer doch denken: „ich war in haft. und der blieb frei!“ – „ich gab 13 jahre – und er nix!“

ja, gewiss – aber sie sahen sich nur über video. zwei alte täter-SS-männer treffen über video zusammen. und bestemann konnte boere wohl nur in der prozess-phase sehen, wo dessen anwälte fragen nach rotterdam formulierten.

wie muss man sich das denn vorstellen?

video? also: du hast 2 beamer und die beamen das ganz groß an jeweils die stirnwand vom gerichtssaal. dazu hast du vier monitore, die dann jeweils ein scharfes fernsehbild abgeben, wie ein viereck angeordnet, sodass das gericht, die staatsanwaltschaft, die nebenklage, die verteidigung, etc. das alles nochmals sehen können. und auf diesem monitorwürfel ist eine drehbare kamera. und die techniker drehen immer dorthin, wo es nötig ist.

und was sehen wir auf den monitoren?

wir sehen 6 felder, in dem feld unten links war bestemann, dann war ein feld schwarz, in einem feld sah man einen leeren grauen bürosesssel, in einem feld sah man den rechter-commissaris, dann eine justizangestellte, einen dolmetscher, und noch eine weitere justizangestellte. (und ganz klein noch als zusätzliches feld im rechten unteren feld, wie reingeschnitten, sah man, was die kamera aus aachen nach rotterdam zurücksandte, an bild.)

und dann wurde verhört?

ja, man fragt in deutschland, und dann wird übersetzt, und man antwortet in den niederlanden, und dann wird übersetzt.

und so ging es hin und her?

ja, aber der ertrag (in bezug auf prozessuale neu-erkenntnis) war gleich null.

wieso?

weil der herr bestemann sich vorher festgelagt hatte nur zu sagen: „ik weet niet!“ „dat weet ik niet!“ „ik heb het niet gedaan!“ „ik moest well mee!“ „keen opdracht!“ „nooit gezien!“ „ik was da niet bij!“ „is mogelijk!“ „ik denk het well!“

das ist ja niederländisch!

aber du wirst doch den trend verstehen! auch wenn ich dir nicht alles jetzt übersetze.

er wollte nichts sagen.

eben: erstens musste man ihm alles aus der nase ziehen. zweitens waren seine antworten kurz, zu kurz. und drittens wollte er niemanden belasten.

wen könnte er denn belasten?

er hat zusammen mit boere den mord an dem apotheker bicknese ausgeführt, in breda.

und?

also: bestemann behauptet dinge wie. „ich habe nicht geschossen!“ „ich weiß nicht, wer geschossen hat!“ „ich musste mit!“ „da ist plötzlich ein schuss gefallen!“ „ich weiß nicht, woher der schuss kam!“

waren das zitate?

nein, in-etwa-zitate. aber die tendenz der sätze gibt die haltung wieder: mehr opfer als täter. mehr mitläufer als aktiv handelnder. – er hat auch die ganze zeit behauptet, nie eine schusswaffe gehabt zu haben. an der ostfront in russland etc. – lediglich das übliche soldatengewehr, aber sonst nichts. in den niederlanden dann als mitglied des feldmeijer-kommandos 1944 schon gar nicht. also: keine waffe! (niederländisch heißt das: „wapen“)

dann war er also unbewaffnet und auch unschuldig?!

so stellt er es dar. man musste aus allen äußerungen heraus denken: er war zwar (irgendwie?) dabei, aber er hat nichts getan.

er ist doch verurteilt worden, damals, 1945.

eben, aber er tat so, als sei seine schuld nur, bei dieser truppe gewesen zu sein. aber nicht mehr.

hat er bereut?

bereuen? nein! nicht offensichtlich. er hat gestern nur eingestanden, dass EINE strafe für ihn für wohl gerechtfertigt war. „eine strafe“. aber ob DIESE strafe gerechtfertigt war, die er dann bekam, damals, dazu wollte er sich nicht äußern.

das ist alles unschön.

sicher: man denkt immer, einer steht jetzt auf und sagt. „ja, ich habe gemordet. ich bereue alle taten. alles, was ich beging, war verwerflich. ich entschuldige mich bei allen angehörigen der opfer.“ so etwas erhofft man sich. aber es kommt nie. nie. nie. nie.

alle wollen sich nur reinreden. „rein“ im sinne von „sauber“, bezogen auf sich und ihr gewissen.

ja, darum geht es: man will immer noch den anschein des guten mäntelchens aufrechterhalten.

was wollte bestemann?

ich weiß es nicht. ich denke immer: warum hat er sich überhaupt befragen lassen? aber wahrscheinlich gab es rechtlich keine möglichkeiten, sich der befragung zu entziehen. inhaltlich hat sie nichts gebracht, bezogen auf diese morde, die boere beging. die alten verhörprotokolle geben hunderte male mehr her, zur aufklärung der taten. und doch hat diese video-befragung viel gebracht, um diesen typus mensch oder typus SS-mensch besser zu kennen.

war dir bestemann sympathisch?

anfangs dachte ich: ein alter mann! ganz neutral. aber im laufe der befragung wurde er mir immer unangenehmer. es fing schon an, dass er nicht freimütig über seine verurteilung und seine haft berichtete, und warum das geschah. er habe mal in haft gesessen, wegen dem „dienst“. so hat er sich anfangs ausgedrückt. und man musste ihm alles aus der nase ziehen, was dann in den neo-klassiker : „ich weiß es nicht!“ (früher ja immer: „ich habe nichts davon gewusst!“) ausgeartet ist.

du meinst, die täter sagen immer: „ich habe nichts gewusst!“ bzw. bezogen auf direkte heut-fragen: „ich weiß nicht!“

das ist eine der zusammenfassungen der gestrigen befragung! – also: da wurden ja noch nicht mal daten klar, wie z.b.: wann kam er von der ostfront wieder nach niederlande. so etwas simples wurde aus seinen antworten nicht richtig klar. datumsdaten gab es schon gar nicht. jahreszahlen, das war der höchste ertrag. und auch die schienen nie sicher.

aber er ist doch ein alter mann. geboren im mai 1921. der ist doch 88 jahre alt. er wird bald 89.

sicher, sicher, aber viele daten, die hat man zuhause in der schublade: da gibt es dokumente: pässe, entlassungsscheine, urkunden, anträge, da tauchen viele daten auf. man kann sich doch einen recht ordentlichen lebenslauf erstellen, wenn man diese dokumente mal sichtet. ich denke, das zurückbeziehen auf das vergessen im alter zieht nur teilweise.

aber er ist doch ein alter mann!

sicher, sicher, aber dann muss er erst recht versuchen, sein leben schriftlich zu ordnen, damit er nichts vergisst. damit er dem gericht alles das klar aussagen kann.

1945 oder 1949 oder wann er jeweils in den niederlanden befragt (also: verhört) wurde, da hat er doch mehr gewusst.

da hat er sogar ausgesagt, er hatte eine schusswaffe. und wohl auch, dass er geschossen hat. damals. aber heute sollte das nicht aufgerührt werden. es sollte keine idee aufkommen, er habe gemordet. er war mit boere in breda, ja, aber dann fiel aus aller seltsamkeit ein schuss, und er weiß, also: bestemann weiß, angeblich nicht, wer den schuss getätigt hat.

ein spiel mit dem gericht!

das ist ja immer so: jeder zeuge geht mit sich und anderen in ratschlag. „wie soll ich mich verhalten? welche taktik? was soll ich zugeben? was nicht? welche linie fahre ich?“

und mit wem hat bestemann das getan?

das vorüberlegen? das weiß ich nicht. (kinder scheint er keine zu haben. verwandte? die verteidigung? freunde? niemand? mit wem hat er sich vorher besprochen?) – aber es war klar erkennbar, das „ik weet het niet!“ zu einem leitmotiv des ganzen werden würde.

wie heißt noch dieses märchen von johann peter hebel?

KANNITVERSTAN. („kan niet verstaan!“)

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Vom Heinrich-Boere-Prozess in Aachen als Weitergang berichtet KLAUSENS

hey, klau|s|ens, der prozess geht weiter und weiter.

aber sicher: gestern war schon verhandlungstag 12.

und?

man ärgert sich, weil man hinfährt, dann 3 pausen erleben muss, binnen circa zwei stunden, und hat eigentlich nichts anderes getan, als „einen prozess besucht“. außerdem war die lautsprecheranlage so eingestellt, dass man gar nicht atmen durfte, wenn man die worte verstehen wollte. das macht einen dann noch ärgerlicher. so eine provokant leise lautsprecheranlage!

inhaltlich?

es wurde ein brief verlesen, von hans albin rauter, ss-führer der niederlande, chef der dortigen polizei auch (die formalen titel sind teils sehr komplex. ein extra thema! rauter war z.b. SS-obergruppenführer (1943), general der polizei (1943) und auch der waffen-SS (1944) sowie höherer SS- und polizeiführer (HSSPF) der besetzten niederlande. Er war also multifunktional … wie viele NS-obere), an himmler, seinen oberen in deutschland.

ein brief?

ein brief vom 13.1.1944. und die kurze antwort himmlers (reichsführer SS u. chef der polizei u. innenminister ab 1944. und … und … und …) vom 25.1.1944. (man erkennt: es gab auf jeden fall dicken knatsch zwischen dem generalstab der wehrmacht in den niederlanden und den direkten NS-organisationen samt der ihr zugeordneten polizei: konkurrenz und kompetenzgerangel, wahrscheinlich auch gegenseitige abneigungen. ein eigenes gebräu.)

dazu bist du nach aachen gefahren, zum landgericht?

aber ja, aber ja. die verteidigung wollte das verlesen des dokumentes nicht, weil die vorliegende dokumenten-fassung ihr nicht gefiel. da geht es dann um fragen, ob eine kopie der kopie, oder das dokument als verschriftlichtes (in welcher form denn auch!) noch so ansehbar ist, dass es als glaubwürdig in einen prozess eingeführt werden kann und darf. da geht es auch um streichungen, fußnoten, und ob diese dann dem realen dokument noch entsprechen. gewiss, nicht unwichtig, aber auch nervend. weil es doch um die inhalte geht. das andere kostet viel wichtige zeit für die inhaltliche bearbeitung und aufarbeitung der verbrechen von boere und der SS und der waffen-SS und den sonderkommandos der SS. all das.

und das alles erbrachte 3 pausen?

sicher, insgesamt 3, wobei wir bei einer (es wurden kopien gemacht) im saal sitzen bleiben durften. bei zweien mussten wir aber raus.

und den brief von rauter und die kurzantwort von himmler hättest du dir auch aus einem band mit dokumenten holen können? einem gedruckten?

wahrscheinlich. aber die quellen müssen natürlich auch greifbar, also ausleihbar sein. für mich als normalbürger. – und bei einem prozess geht ja auch um die StPO (z.b. § 249), wonach die dokumente und dinge in den prozess (ich sage mal: „eingebracht“, also) verlesen werden müssen, um bestandteil des prozesses zu werden.

und dann war’s vorbei.

ja, man fährt zum prozess, man fährt wieder weg. man hat kaum etwas erfahren. 1 langer brief, ein ganz kurzer. und doch war es wieder ein verhandlungstag.

die pausen machen alles so langatmig?

und dafür dann: rein in den saal, raus aus dem saal. ja, diese pausen – besonders wenn man den saal wieder verlassen muss. das nervt. man kommt inhaltlich ja gar nicht weiter, nur prozesstagsmäßig.

aber jeder prozess hat doch auch höhepunkte, bei all der abzuarbeitenden normalmasse.

höhepunkte? kommenden freitag wird es ein videoverhör (aus den niederlanden in den gerichtssaal) mit einem mittäter von boere von einst geben. das wird dann viel aufmerksamkeit – auch der medien – erfahren. es wird vielleicht interessant sein, zu erfahren, wie einer, der die strafe für diese morde schon abgesessen hat, heute die dinge sieht.  vielleicht sagt er aber auch kaum was. mal abwarten.

aha.

dennoch: zäh. zäh, durch alle diese juristischen kleinauseinandersetzungen. — eine vorlesung an der uni zu der thematik, von einem ausgewiesenen fachhistoriker, brächte bisweilen mehr zu den boere-SS-untaten bzw. der bewertung dieser untaten … als diese verfahrensscharmützelchen. man verplempert wichtige zeit. juristerei hat viel mit geduld zu tun. zähigkeit. ruhe bewahren. zielstrebig bleiben.

ja: das unwichtige überstehen, das wichtige nie aus dem auge verlieren.

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Den „Lesungen“ beim Prozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Heinrich Boere lauscht KLAUSENS

klau|s|ens, der prozess läuft ja immer noch.

aber sicher, denn jetzt wollen wir etwas von den hintergründen der taten wissen. der taten, die morde waren.

und was machen die dann aktuell im gericht?

sie verlesen (derzeit) alte protokolle. und verhöre. und sterbeurkunden. und auskünfte.

dann hattest du gestern eine „lesestunde“.

ja, und man hört ganz genau zu. denn wenn da andere SS-täter vernommen werden bzw. wurden, z.b. unmittelbar nach kriegsende, und sie erzählen dann von den verbrechen … das ist schon irgendwie „aufregend“.

wie ein krimi?

nein, es berührt einen, wie die taten stattfanden, und wie sie losfuhren, und wie sie schossen, wie das alles aus diesen vernehmungsprotokollen hervorgeht.

wieso denn?

weil es wie ein puzzle des grauens ist. und nun wird alles plastisch.

wer liest denn?

die richter haben sich abgewechselt. leider sind es keine ausgebildeten sprecher. leider lesen sie oft zu schnell oder zu unverständlich oder zu leise. schade.

warum denn?

ich vermute, weil sie die texte schon alle gelesen haben.

aber?

die zuhörer im saal … die brauchen die klare und ruhige und verständliche lesung aller dieser texte. denn die (also wir) haben ja nichts davon schriftlich.

dann ist das gericht also ort einer „lesung“.

aber ja – und ich kann nur jedem empfehlen, sich solche lesungen anzuhören. man sollte solche lesungen auch außerhalb der gerichte machen.

was sollte man lesen?

man sollte „akten des schreckens“ verlesen. alle solche protokolle, wo täter … und wo – überlebende – opfer berichten, was da geschehen ist.

sind die berichte denn alle wahr?

das ist ja die nächste frage. wenn nach dem krieg die leute verhört wurden, dann hat den text wahrscheinlich der zuständige verhörer aufgeschrieben. denn diese texte sind ja immer auch eine verdichtete zusammenfassung von vielleicht stundenlangen interviews und gesprächen und befragungen.

meinst du?

der text ist immer weniger … aber dichter als das verhör.

und nun?

nun hört man, was der täter A sich dachte oder von sich gab, und was der täter B sich dachte oder von sich gab.

und dann?

dann fragt man sich, ob alles auch stimmt. was gelogen ist. was schutzlügen sind, und alles das.

und? was hast du bemerkt?

man kann sich aus diesen berichten schon einiges zusammensetzen. die haben da sehr vieles zugeben. überraschend viel! warum eigentlich? hat man ihnen dann verminderte strafen angeboten? 1945 und 1946? z.b. hat henk kromhout da morde zugegeben. und der hat ja auch mit boere zusammen menschen umgebracht. und dieser kromhout ist ja auch verurteilt worden, für die taten.

wielange war der denn in haft?

der bruder sagte mal etwas von „16 jahren“ – der muss dann auch später nach spanien gegangen sein … und sich niemals mehr in den niederlanden polizeilich gemeldet haben.

und verhörprotokkole von dem wurden verlesen?

ja, unter anderen. und du hörst davon, was geschah. und alles ist sehr nüchtern beschrieben. da sind keine gefühle in den texten. es sind nüchterne abläufe des geschehenen. angefangen von der anwerbung zur feldmeijer-truppe bis hin zu zusammenkünften … bis hin zu den taten.

und alles ist erzählt.

nein, eigentlich sind solche texte nur noch fetzen der realität, aber wenn man es von mehreren leuten hört, dann setzt sich das bild im kopf zusammen. es sind filme, wie sie da zu fünft in einem auto fahren, wie sie nummernschilder tauschen, wie sie leute im haus oder an einem kanal oder woanders erschiessen. ganze filme laufen da ab.

und du möchtest, dass solche „lesungen“ nicht nur im gericht stattfindem?

ja, ich würde es begrüßen, wenn man aus den akten sich gezielt dinge zusammensuchen könnte und würde sie dann verlesen.

wo denn?

z.b in sommeren und asten in den niederlanden. da haben die SS-täter am 14.8.1944 die bürgermeister abgeholt, weil sie die auf einer liste hatten. und die wurden erschossen. ich finde, die leute dort sollten genau wissen, was geschah. oder zumindest: so genau es geht.

und?

überall in deutschland und in den niederlanden sollten solche lesungen stattfinden. lesungen aus akten des schreckens. aber auch lesungen von berichten von opfern, die diesen schrecken überlebt haben.

und dann?

dann haben wir aufwühlende abende, die alles andere, was man als „lesungen“ so kennt, in den schatten stellen. vielleicht wir dann der gedanke des „nie wieder!“ wieder erweckt und bekräftigt.

das findest du?

ja, das finde ich … und dazu stehe ich. macht lesungen!

und zu unseren LIVE-gedichten vom prozess? KLAUSENS BEIM HEINRICH-BOERE-NS-KRIEGSVERBRECHERPROZESS IN AACHEN http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

dazu stehe ich auch, denn auch sie erfassen facetten dessen, was geschieht. was heute mit „dem damals“ geschieht. im landgericht zu aachen. im prozess gegen heinrich boere, der 3 unschuldige „deutschfeindliche“ menschen 1944 ermordete … und das auch gestanden hat.

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Das Geständnis im Heinrich-Boere-Prozess zu NS-Kriegsverbrechen in Aachen erlebt KLAUSENS

klau|s|ens, er hat die morde gestanden?

ja, das war gestern überraschend. man überlegt sich, was die verteidigung noch so alles macht, damit der prozess inhaltlich nicht in fahrt kommt … und nun ist schon das geständnis da.

das ist doch großartig!

ist es so? wenn jemand gesteht, aber man denkt, es ist ein klinischer prozess. und man spürt keine reue, keine scham, kein nichts?

war das so?

er selber hat sich ja gar nicht geäußert.

der heinrich boere?

nein, die anwälte haben für ihn etwas verlesen, bzw der eine von den beiden anwälten. boere saß in seinem rollstuhl, sagte aber nichts. er wollte sich auch nicht weiter zu fragen stellen hernach, wie dann seine anwälte nach der pause noch erklärten.

und was war das? was man verlas?

das war das geständnis der 3 morde, um die es in dem prozess geht. er hatte diese ja schon vor jahren eingestanden. aber nun hat er sie nochmals eingestanden. inhaltlich nichts neues, aber es ist ein geständnis. damit entfallen viele lange indizienketten, um die taten nochmals nachzuweisen, die aber schon (auch durch viele verhöraufzeichnungen und -protokolle) hinreichend bewiesen sind.

wird das eine genugtuung für die hinterbliebenen der drei opfer sein? für die nachgeborenen von de groot und bicknese und kusters?

genau daran muss man zweifeln, denn es wurde eigentlich ein kühles papier verlesen, also wie eine akte. auch die taten wurden da sehr nüchtern angegeben. und die einzigen angaben, die etwas von nachdenklichkeit hatten, also eine minimalspur, das waren die, als der angeklagte – per papier – sagte, aus heutiger sicht würde er die dinge anders sehen als damals.

aber das machen alle menschen.

eben. und jetzt hat der prozess ja eine ganz andere farbe bekommen.

welche denn?

nun geht es nicht mehr um die morde als solche, sondern um die frage, ob der mörder ein mörder ist.

wie kommst du darauf?

weil das so gesagt wurde: er musste diese taten begehen. er war damals überzeugt, er würde gegen widerstandskämpfer und aufständische agieren. und als soldat war er dazu verpflichtet, befehle zu befolgen. undsoweiter undsofort. dieser strang der argumentation!

also wäre die strategie: soldaten müssen gehorchen. und wieso kann man solche leute dann für mord belangen?

so in etwa. es geht also um das prinzip von befehl und gehorsam. dann geht es um den unterschied, ob ein gefreiter an der ostfront in der schlacht einen oder zwei oder drei russen erschießt, oder ob ein angehöriger der waffen-SS bzw. der „Germanischen SS in den Niederlanden“ (formal zwei eigene organisationsformen!), ob so jemand – der sich ja freiwillig zur waffen-SS meldete, als niederländer !!! – auch wie ein „normaler“ soldat zu behandeln ist.

das ist nun die kernfrage?

ja: ist mord gleich mord gleich mord? oder ist alles das gleiche, weil ja krieg war. oder hat niemand etwas getan, außer dem höchsten befehlshaber?

dann wäre doch die nächste frage, ob auch die „normale“ wehrmacht als „gut“ und die „waffen-SS“ als böse eingestuft wird.

man spricht dann von „verbrecherischen organisationen“. aber die waffen-ss, das waren ja – als so gewollte verbrecher und untäter – zugleich auch kämpfende truppen an der front. sie waren also auch ein teil der wehrmacht, aber organisationstechnisch wiederum auch eigenständig. (und das muss man jetzt noch für jede abteilung oder division, wie bei boere z.b. im osten bei „WKING“, genau untersuchen. aber das betrifft jetzt auch wiederum die kämpfende front.)

und die wehrmacht war ja auch nicht „gut“.

oh nein, das haben uns die eltern immer erzählt: anständige soldaten gegen böse bolschewiki und alles dieses. die bösen waren die NAZIs … und alle deutschen haben einfach nur in der wehrmacht gekämpft. seit der heiß diskutierten wehrmachtsausstellung wissen wir endlich mehr von den verbrechen, die eben von der wehrmacht auch begangen wurden. der „saubere untadelige offizier“, der war oft nur ein gerücht.

das macht alles etwas schwierig.

ja, sicher: man muss wieder definieren und grenzen ziehen und bewerten. aber damit haben ja die nürnberger prozesse schon begonnen.

ist das bei boere schwer? das einordnen der morde?

er sagt ja: er habe befehle befolgen müssen. hätte er diese nicht befolgt, wäre er selber erschossen worden. das sind diese befehlsketten, hinter denen sich immer alle verstecken.

dann sagen aber andere: an dieser oder jener stelle konnte man gut abdanken, kündigen, weglaufen, desertieren … ohne dass etwas passiert ist.

sicher, das ist dann zu untersuchen. und es ist ja auch schon untersucht worden.

ich denke auch, es ist wichtig, ob jemand in einen funktion gezwungen wurde oder nicht.

ja, diese waffen-SS-sache hat eine dynamik, die bis zu unserem schriftsteller grass reicht. dann gibt es sogar diskussionen, ob leute gegen ihren willen plötzlich für die waffen-SS gezeichnet wurden (ob das tatsächling ging, z.b. gegen kriegsende). bei dem kabarettisten dieter hildebrandt ging es sogar um die frage, ob man gegen seinen willen plötzlich ein NSDAP-mitglied sein konnte.

aber unser boere hat doch nicht an der front gemordet.

das stimmt: die besetzten niederlande sind nicht mehr klassisch „die front“. außerdem gehörte er ja zu einem geheimkommando, welches die mord-verbrechen in zivilkleidung ausführte. man muss sich das also eher wie eine geheimpolizei vorstellen, die in den niederlanden einfach leute aufsucht … und dann erschießt. mafiaähnlich. kommen, schießen, wieder weg!

teunis de groot hatten sie in unterhose angetroffen, hinter der haustüre, wo er eine klappe geöffnet hatte.

und der musste noch seinen ausweis holen, bevor sie den erschossen.

ich denke, dass diese taten von der anlage ganz kaltblütige morde waren.

da gebe ich dir recht. aber jetzt sage ich dir ein anderes beispiel.

welches?

man hört, dass es einen tanklastwagen mit partisanen gibt.

und?

man tötet alle menschen um den tanklastwagen. (was ist überhaupt ein „partisan“?)

und?

genau das hat die bundeswehr in afghanistan gemacht. in einem krieg, der ewig nicht so bezeichnet wurde.

du meinst, die haben die amerikanischen bomber angefordert …. und dann sind viele menschen umgekommen, darunter auch viele zivilisten.

genau: da haben wir die debatte heute: a) was ist krieg? b) was ist im krieg erlaubt? c) wann ist ein mord ein mord im krieg? d) was gilt als „kriegshandlung“? e) wann wurden grundsätze des „normalen“ krieges überschritten?

das ist eine schreckliche debatte.

ich weiß, aber diese dinge sind fortwährend zu klären. dafür haben wir die haager konvention. aber der prozess der klärung muss immer weiter gehen. das hat auch eine ethische dimension.

ich denke, man braucht klare grenzen und muster.

das denke ich auch: deshalb muss einfach die rolle der SS in den niederlanden, und ihre funktion nochmals aufgerollt werden, damit man ganz klar hat, was eine „normale“ besatzung ist (ist das nicht schon ein unrecht per se?), und was eine verbrecherische organisation ist.

aber das ist für die SS doch geklärt.

sicher, aber man muss es bis in alle details immer wieder aufrollen. vielleicht wird das ja in diesem prozess noch geschehen. (mir fällt ein: wir haben ja in unserem heutigen recht das konstrukt der „kriminellen vereinigung“, z.b. für die RAF.)

ach, klau|s|ens, dann müssen wir ja noch viele male ins gericht, wenn alles solches aufgerollt wird.

alles wohl nicht. aber etwas. sie haben auch zusätzliche gerichtstermine jetzt festgelegt, zweitklausens, bis februar 2010.

ach – und unsere gedichte?

die gehen immer weiter: http://www.klausens.com/klausens-beim-boere-ns-kriegsverbrecherprozess-in-aachen.htm

und das ende der verbrechen?

du stellst naive fragen!

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