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Vor den Plädoyers im Heinrich-Boere-NS-Prozess in Aachen spricht KLAUSENS

klau|s|ens, der prozess gegen heinrich boere nähert sich dem ende.

ich weiß, ich weiß – aber wir wissen nichts.

wir haben doch einiges erfahren.

sicher, viele bruchstücke, aber immer nur aus den dokumenten. es ist aber ein täter anwesend, der uns vieles erzählen könnte, wenn ihm die 88 jahre lebenszeit nicht dabei hinderlich sind.

ist dir nichts aufgefallen?

was?

der prozess vergisst die schrecken.

tut er das?

man sitzt da, man hat einen raum, es ist geheizt, der regen bleibt draußen, der angeklagte wird medizinisch betreut. vor dem gerichtssaal ist die cafeteria, wo ich mir jederzeit café holen kann. oder ein belegtes brötchen.

was willst du sagen?

es ist die routine von raum und akten und aussagen. die verbrechen kommen vor, aber sie kommen auch nicht vor.

und weiter?

der angeklagte ist da, aber er ist auch nicht da.

wo ist er denn?

er sitzt da, aber er redet ja nichts. irgendwann guckt man gar nicht mehr hin. es ist ein prozess, der eigentlich ohne den angeklagten stattfindet. er sitzt da, aber man nimmt ihn kaum noch war. man hat sich an den menschen im rollstuhl gewöhnt wie an einen alten schrank im keller.

dann verschwinden die verbrechen?

irgendwie ja. sie werden verlesen, wenn protokolle von verhören verlesen werden. aber die verbrechen sind gar nicht so schlimm, wie sie waren. alles bekommt etwas geglättetes. es bleibt der text. und der ist auch schon seltsam verkürzt. jedes polizeiprotokoll ist eine verkürzung des geschehens.

das ist die gefahr!

genau: es ist die gefahr. alles scheint normal. da ein mord, hier ein mord, mal im september 1944, mal in einem anderen monat. so war es eben. die dinge drohen, beliebig zu werden.

du möchtest aber, dass man sich erinnert, dass es verbrechen waren.

ja, aber zugleich weiß ich, dass die justiz nur „überleben“ kann, wenn sie die gefühle aus all den dingen wieder rausnimmt. „recht sprechen“ ist schwer, wenn man „aufgekocht“ ist.

also, was willst du nun?

ich meine nur: boere verschwindet. die taten. der täter. der schrecken. du musst dir mal vorstellen, gleich klingelt einer bei dir, oder zwei, fragen dich nach deinem namen … und dann schießen sie auf dich.

und andere schreien. diejenigen, die zeugen der taten sind. kinder verlieren den vater. frauen den ehemann. es ist grausam.

genauso: das ist grauslich. und egal, ob es nun 48 oder 50 oder 54 erfolgreiche bzw. versuchte silbertannen-morde waren. diese ganze aktion ist und war bösartig und unmenschlich.

ich weiß.

genau das aber sollte in so einem prozess nicht in vergessenheit geraten. mord ist kein bagatelldelikt. man denkt ja oft: die haben so viele menschen dann vergast, da ist ein gewöhnlicher mord eine andere kategorie. man stellt seltsame vergleiche an.

die schrecken des nationalsozialismus hatten so gigantische ausmaße, dass man dazu neigt, alles falsch zu relativieren.

genau so. ich wünschte mir, dass wir uns das alles vor augen halten und nicht in diesem gewirr von akten und aussagen und protokollen und einem ewig schweigenden heinrich boere allesamt in der (vermeintlichen) belanglosigkeit der verbrechen untergehen.

„belanglosigkeit der verbrechen“?

nein, nein, ich meine es nicht so. sie sind NICHT belanglos. ich meine es so, dass man nach vielen prozesstagen als prozessbeteiligter und als zuschauer so empfinden kann: ach, diese verbrechen da! man wird routiniert und abgestumpft.

dann ist abstumpfung eine gefahr für uns alle?

aber ja, zumal jeden tag neue verbrechen passieren. und diese NS-verbrechen waren so zahlreich und so viele. wenn ein gefangener fast tot getrampelt wird, auf dem hof eines KZ … dann ist das eine abscheuliche und widerliche tat. das ist quälerei und folter und so … und man sollte das nicht kleinreden, weil es noch so viel schlimmere und abscheulichere dinge unter der NS-herrschaft gegeben hat. dieses relativitätsproblem umgibt alles. dabei ist schon ein einziger von menschen an anderen menschen zugefügter schmerz etwas bösartiges.

ich denke, wir haben deinen kerngedanken nun verstanden. man neigt dazu, schlimmste verbrechen als weniger schlimm anzusehen, weil es ja noch diese unvorstellbar inhumane „endlösung“ gab. das allerschlimmste! das systematische ausrotten einer ganzen volksgruppe!

danke. ja, ja, du verstehst mich. am liebsten wäre mir, boere würde alle seine erinnerungen zusammenrufen und dann in aller wahrhaftigkeit eines 88-jährigen alles erzählen, was er tat und was er wusste. alles auspacken. reden, reden, reden. wie bei einer beichte. alles raus! würde er wahrlich bereuen, was er tat, und würde er das wahrlich auch zum ausdruck bringen, wäre das noch besser und passender.

du meinst, mit blick auf die kommenden generationen.

ja, denn denn die aufklärung von heute dient teils dazu, an die opfer und deren angehörigen einen kleinsten (mini)teil von einer art „wiedergutmachung“ zu geben. (es lässt sich ja nichts wiedergutmachen! aber man kann die narben etwas schneller heilen lassen, wobei solche narben niemals weggehen. höchstens weniger schmerzen.)

und wozu dienen die urteile noch?

dass die nachgeborenen solche verbrechen NIE MEHR begehen … oder zulassen, dass sie begangen wären.

ja, auch das hoffen wir immer. und doch: der spuk geht irgendwann immer von vorne los. ganz so optimistisch wie du kann ich kaum sein. rohe gewalt findet leider immer wieder nachahmer und fürsprecher.

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Eine weitere Einlassung von Boere selbst im Heinrich-Boere-Prozess wegen NS-Morden zu Aachen hört KLAUSENS

klau|s|ens, der herr boere sprach selber?

nein, die anwälte verlasen.

heute?

ja, heute morgen im prozess in aachen.

hat er nun gesagt, was war und warum und wie … und dass er alles bereut?

nein, die anwälte verlasen eine erklärung, wonach boere eine schreibschwäche hat. deshalb also wurde „verlesen“, und zudem von den anwälten, sodass man immer fürchten muss, die anwälte sprechen in der erklärung … und boere unterschreibt nur brav, was diese für richtig halten. aber das ist am ende auch unwichtig.

was hat er denn erklärt?

er hat zu den letzten dokumenten erklärt, die da in den archiven aufgespürt wurden, zu diesem vernehmungsprotokoll vom september 1946 und zu anderen dokumenten / aussagen: es könne sein. er könne sich nicht erinnern. das mag so gewesen sein. das wisse er nicht mehr. das könne er nicht ausschließen. in diesem tenor. diese ganzen formulierungen wären eine germanistische quelle für sich. aber sie können ja von den anwälten stammen. der kern ist: mag sein, kann sein, kann nicht sein, weiß nicht, weiß vielleicht nicht, wenn es so ist, dann ist es so. immer nach der devise: was urkundlich ist, wird wohl stimmen. und: der mensch ist eben schwach – und sein gedächtnis auch.

also seine NSB-mitgliedschaft, und seine tätigkeit als zählerableser, und seine arbeit bei der landwacht (dem militärischen arm des/der NSB)? alles nun auch zugegeben?

ja, diese dinge sind ja nun sowieso erwiesen, also quasi amtlich … und jetzt kommt herr boere hernach und bessert seine biographie etwas nach, weil er zuvor die dinge ja anders darstellte. lückenhaft. er hatte seine biographie geschönt. dabei beruft er sich nun auf das vergessen, was wirklich ein menschliches problem ist … was aber in diesem zusammenhängen nicht recht glaubhaft wirkt.

dann entsteht die biographie von heinrich boere durch diesen prozess?

so kann man es fast sagen: jedes verlesene dokument, jede sterbeurkunde, jeder nachweis … alles lässt eine steinbruchartige biographie von boere (und der mittäter) entstehen, aber auch nur den umriss vom umriss vom steinbruch, denn es sind wenige daten und wenige fakten, aber sein leben ist über 88 jahre alt. der prozess versucht das leben des heinrich boere nachzuzeichnen, welches heinrich boere selber nicht recht zu kennen scheint. es ist schon kurios, mit dem alter, mit den taten, mit dem vergessen, mit den dokumenten.

welchen sinn hatte dann die boere-einlassung von heute?

die anwälte wussten, dass man nicht leugnen kann, was durch diverse schriftliche quellen relativ sicher nun belegt ist.

dann ist die verteidigung in der defensive?

aber ja – dennoch legten sie direkt nach und forderten nun ihrerseits noch die weitere verlesung eines dokumentes, aus dem hervorgeht – so die meinung von boeres anwälten – , dass man zu jenem kommando feldmeijer prinzipiell „abgeordnet“ wurde (das ist also der gedanke: ich wollte nicht, ich musste!) … und wonach man mit einem bein im grab oder im KZ gestanden habe, wenn man die befehle bei feldmeijer nicht brav ausführte, also: widerständler aufspüren, nach namensliste, und dann ermorden. denn dazu war dieses kommando ja da.

es war dann noch eine weitere zeugenaussage?

ja, von einem halb-mittäter bei den morden auf die bürgermeister von asten und someren … der aber dann nicht mitfahren durfte, wegen platzmangels in den autos, und der das längste streichholz gezogen hat. und der dann wartete, bis die anderen nachts um 1.30 uhr zurückkamen.

ach der.

die anderen hatten bei den 3 mordattacken auch eine waffe verloren, wohl sander borgers war derjenige, welche seine pistole nicht mehr finden konnte. außerdem war ein attentat von den geplanten dreien nicht erfolgreich gewesen. opfer frans eijsbouts überlebte! also: 2 schlimme „fehler“ in der logik des mordens.

ach so.

und dann fuhr eben dieser mensch wegen eines streichholzes zum warten und nicht mitmorden „verdammte“ am tag danach los, um nun selber auch aktiv zu werden. laut verhörprotokoll wurden aber dann die aufträge absichtlich nicht ausgeführt. so versuchte er also die geschichte dann in seinem sinne nach dem krieg noch positiv zu drehen.

dann war dieses protokoll vom jenem gerardus johannes theodorus kniest (möge er sich so schreiben) ja eines der sich-freistellung von den taten.

es waren zwei protokolle, eines von 1945 und eines von 1947, zwei verhöre, einmal sitzt der mensch in dem gefängnis, einmal in dem anderen.

und diese aussagen sollen boere nun entlasten?

der mittäter spricht von der einberufung in das kommando – und er spricht von dem „bein im grab“, falls man die morde nicht ausführt. daran klammert sich die verteidigung, um den befehlsnotstand hinzubekommen. die worte eines feldmeijer-kommando-genossen von boere sollen das erbringen.

und nun?

nun wird das verfahren vielleicht schon am kommenden verhandlungstag in das ende der beweisaufnahme und den beginn der plädoyers eintreten.

und diese protokolle?

ich weiß nicht, was noch auftaucht und was man noch verlesen könnte. außerdem sind es ja meistens täter, die die taten beschreiben. da müsste man noch wissen, ob diese täter zusammen inhaftiert waren, ob sie in der haft umgang hatten, und ob sie 1945 zumindest genau absprechen konnten, was die dann beim verhör jeweils so alles erzählen.

was willst du sagen?

ein verhör ist keine sichere quelle … nur weil es ein verhör ist. man muss die täterverhöre untereinander abgleichen … und man muss daraus dann den wahrheitshergang ermessen. außerdem kennt man die taten und deren verlauf.

hat boere selber denn heute nichts gesagt?

nein, er selber schwieg. seine anwälte lasen vor. die salamitaktik des dieses oder jenes zugestehen, sofern es unabänderliche fakten sind, wie boeres mitgliedschaft im NSB, die er uns ja anfangs sorgsam verschwiegen hat. diese ewige taktik. und kein bereuen und verzweifeln und verzagen … keine entschuldigung bei den angehörigen der opfer … kein nichts. was soll das alles? herr boere, was soll ihre existenz?

ich würde seine biographie gerne viel präziser kennen.

sicher: aber das ist dein historisches privatinteresse. für das gericht geht es a) um die taten in ihrer faktizität und b) um die bewertung dieser taten, auch hinsichtlich eines schuldspruchs und einer strafzumessung.

was denkst du?

für mich ist boere der morde natürlich schuldig, die er zugegeben hat. und der „befehlsnotstand“ zieht nicht recht. und für mich ist er zudem ein überzeugter NS-aktivist, der nicht ohne grund zu diesem kommando feldmeijer geholt wurde. für mich sind diese morde und die weiteren taten (spionage, auskundschaften, razzien vorbereiten, menschen „ans messer liefern“ und razzien mitmachen) aktiv und bewusst und wollend … und nicht unter zwang und aus schlotternder angst begangen worden.

du sagst zu feldmeijer „geholt“?

so sehe ich das: man hat sich bestimmte leute „geholt“, weil man die für gut befand, bzw. feldmeijer selber, der iniator des kommandos.

und dann?

dann sind diese SS-ler bzw. ex-waffen-SS-ler gekommen. das war keine „abordnung“, wo die leute geweint haben. sondern sie dürften willig und fröhlich gefolgt sein, weil man für sie nun, nachdem sie als waffen-SS-ler an der ostfront waren und dort nicht mehr kämpften (wegen krankheit oder verletzung), nun in den niederlanden selbst eine neue „schöne“ tätigkeit und eine andere verwendung gefunden hatte.

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Beim Heinrich-Boere-NS-Prozess hört KLAUSENS kurze Übersetzungs-vorlesungen

klau|s|ens, es lagen noch nicht alle übersetzungen vor?

ja, leider, leider. diese dokumente aus dem archiv für limburg in maastricht … die mussten ja alle ins deutsche übersetzt werden. und die letzten seiten dieser übersetzung sind wohl erst am freitag morgen im gericht eingetroffen. (wer da wohl die schuld trägt? der/die übersetzer/-in? das gericht? andere? aber es ist, wie es ist.)

wozu führte das?

wir hörten nicht alles, was wir am freitag, 19.2.2010, hätten hören können. die nebenklage hat ja mit helfern dokumente aufgetan, wonach boere aktiv als spitzel tätig war und widerständler in helden-panningen im mai 1944 bewusst verraten hat, sodass diese verhaftet wurden, was dann zu deportationen nach deutschland führte, und in einigen fällen (7 sind wohl klar nachgewiesen) zum sicheren tod dieser opfer dann in KZ und/oder arbeitslagern in deutschland.

und welche dokumente?

das sind diverse verhöre und befragungen, u.a. auch mit boere selbst, nach dem krieg … und die waren ja in der öffentlichkeit bislang nicht bekannt gewesen. die idee ist: boere hat nicht nur in 3 fällen gemordet, sondern er ist zudem ein aktiver und aggressiver verfechter der NS-ideologie gewesen.

aha.

boere tut immer so, als hätte er als befehlsempfänger menschen erschießen MÜSSEN. … aber es stellt sich heraus, dass er mehrfach überaus bewusst und dauerhaft teil des schreckenregimes der deutschen in den niederlanden war. boere war in der waffen-SS, im NSB, in der landwacht (bewaffneter arm des NSB) und in der SS … da im besonderen „kommando feldmeijer“ und … und … als zählerableser hat er zeitgleich auch gearbeitet. und das ist ja auch der klassische job, um dinge und menschen auszukundschaften.

was ist hinter allen neuen fakten um boere die idee?

die idee ist: boere hat uns vieles verschwiegen, was jetzt mühsam recherchiert werden musste. boere war kein „armer mörder“ auf befehl, sondern ein mörder des wollens. das ist sehr wichtig, wenngleich man ihm die toten widerständler in deutschland kaum als weitere morde unmittelbar auf den zettel seiner untaten schreiben kann, rein rechtlich. es wäre eher etwas wie aktive beihilfe. aber es gab ja auch viele schreibtischtäter, die deportationen organisierten und veranlassten und planten … und die nachher sagten: „ich habe niemanden umgebracht. ich trage keine schuld.“ man muss dann alles im rahmen des verbrecherischen gesamtsystems bewerten. die fakten müssen deutlich sein. jede neue information nutzt. man muss überlegen, wie sehr und wie willentlich heinrich boere das NS-system in den niederlanden (be)förderte und vorantrieb, auch wenn er ja eher weiter unten in der pyramide des bösen agierte.

es gibt ja da eine liste.

ja, die universität amsterdam hat die verurteilungen deutscher und österreichischer NS-täter zu NS-verbrechen in den niederlanden erfasst und alle täter samt urteilen zusammengesucht: http://www1.jur.uva.nl/junsv/NED/NL-Uebersicht.htm

„Niederländische Strafverfahren gegen Deutsche und Österreicher wegen im 2.Weltkrieg begangener NS-Verbrechen“

aha.

auf dieser liste ist aber boere nicht erfasst, weil er denen als niederländer galt (gilt?). auch uns bekannte täter wie besteman(n) oder kromhout, die an den morden auf bicknese, de groot und kusters z.B. beteiligt waren, fehlen in dieser auflistung. wohl, weil sie als niederländer gelten.

hast du deine gedichtseite denn weiterbetrieben?

ja, auch diese wächst. es sind ja nicht nur die LIVE-gedichte, sondern weit mehr informationen, die dann hier und da auftauchen. es ist auch das: ein prozess!

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Weiter vom NS-Prozess gegen Heinrich Boere in Aachen erzählt KLAUSENS

klau|s|ens, gestern ging es um den boere-prozess in aachen – und heute auch? gab es denn noch einen verhandlungstag? zwei hintereinander? tag auf tag?

nein, aber ich wollte doch gestern noch von diesem bart slop weitererzählen. das mache ich jetzt.

das war auch einer von diesen mördern?

ja, und dessen verhörprotokolle zweier verhöre von 1946 wurden gestern im gericht verlesen.

und?

die idee bei einem attentat, 19.7.1944, an dem bart slop beteiligt war, sah vor: fahrt nach apeldoorn, dann nach dem namen fragen. das opfer war ein herr mees. vornamen-initialen a.r.p. – und nach dem geburtsdatum fragen. sie fragen also immer wieder nach namen und geburtsdatum, bevor sie schießen. es soll nie der falsche erschossen werden. alles war ja auch furchtbar geheim. a.r.p. mees war das geplante opfer jedenfalls.

sie fragen also vielleicht so: „sind Sie der herr xy? wann sind Sie geboren?“ – oder: sind Sie am XY geboren?“ … und dann schießen sie?

vielleicht. im fall von herrn mees war es noch anders.

wie?

da hatten sie noch eine teuflische idee mehr. (sie gaben sich übrigens unter der tarnung aus, beamte des crisis controle dienst zu sein: CCD, als sie bei mees klingelten … an der tür. in apeldoorn.)

welche idee hatten sie noch?

einer sollte den brief übergeben. und dann sollte dieser kromhout schießen. so berichtete bart slop in dem verhör.

hendrik (oder henk) kromhout hat doch auch mal mit heinrich boere … mord an kusters, mord an de groot …

ja, ja, diese täter tauchen in immer anderen konstellationen auf, waren aber doch alle zusammen bei dieser „aktion silbertanne“ beteiligt.

und was war nun mit herrn mees?

da sollte ein brief übergeben werden … und wenn der arme mensch den brief entgegennimmt oder öffnet oder so, dann wird der eine mörder schießen. (man ist ja dann abgelenkt. der brief wäre also ein klassischer ablenker. taschendiebe arbeiten ja auch so. eine person sagt: „ihre tasche hat ein loch“, das opfer ist abgelenkt, und die andere stiehlt dann. oder auch derselbe, der das sagte. – ablenken ist klassisch, wenn man böses will.)

sie haben sich also noch überlegt, wie sie am besten töten?

so kann man sagen. kromhout hat dann als erster geschossen, und dann auch bart slop. ich weiß nicht, wer alles dabei war. (offenbar auch ein adolf de man, wie wir weiter unten sehen.) bart slop gibt in seiner vernehmung ja auch nur die eine variante der ereignisse wieder.

und heinrich boere?

der war bei dieser aktion nicht dabei. (aber 5 tage vorher: mord an bicknese, andere böse mordaktion.) es geht um ein prinzip: meist zwei autos, losfahren, zu der adresse, wo man das opfer vermutet. dann klingeln, sofern nötig. nach dem namen fragen, nach dem geburtsdatum fragen. oder sich der person richtig versichern, irgendwie. vielleicht gar den ausweis holen lassen. und dann schießen. – bisweilen aber noch etwas anderes zur ablenkung herumbauen, wie den vermeintlichen brief. (es sollte ja schnell gehen … und geheim. der mord blieb nicht geheim, aber wer es genau war, das sollte niemand erfahren.)

und?

„Op 19 juli 1944 werd Mees in de deuropening van zijn woning aan de Genistalaan in Apeldoorn neergeschoten door twee personen. Hij overleed later op de avond in het ziekenhuis. De moordaanslag op Mees was een vergeldingsactie voor de liquidatie door het ondergrondse verzet van de N. S. B. ‚er Maalcke. Deze was tijdens de bezetting directeur van het arbeidsbureau aan de Emmalaan in Apeldoorn. Deze vergeldingsaanslagen van de bezetter op goede Nederlanders staan in de geschiedenis bekend onder de naam Silbertannemoorden. Mr. Mees was ook beslist geen vriend van de Duitse overheersers. De lafhartige moord werd gepleegd door de Nederlander Adolf de Man en enkele handlangers van hem. In 1950 werd de Man bij verstek tot levenslange gevangenisstraf veroordeeld. De Man woonde na de oorlog in het Duitse stadje Hegge. Mees is op het plaatselijke kerkhof aan de Apeldoornseweg begraven. Gelukkig is er een straat naar hem vernoemd. Uit eerbied en erkentelijkheid. Mr. A. R. P. Mees heeft heel veel goeds gedaan voor Vaassen. Dat mogen we niet vergeten.“ QUELLE: homepage der gemeinde vaassen.

das ist ja niederländisch?

na und: die taten geschahen in den niederlanden, und die mörder sprachen wohl niederländisch untereinander, zumindest bei diesem „kommando feldmeijer“. da müssen wir diese sprache auch mal original hören. das gehört schon dazu, wenn man einen prozess führt, der deutsch-niederländische interkulturelle faktoren auch beinhaltet.

und woher hast du das?

das ist von einer homepage der gemeinde vaassen (steht doch oben.), wo es offenbar eine meesstraat gibt. nach diesem mann benannt. nach dem opfer benannt. ein gewisser frek bomhof (vielleicht ein lokalhistoriker in vaassen) hat fakten zu herrn mees niedergeschrieben. oben das stück handelt von jenem attentat. (vaassen liegt zwischen apeldoorn und epe.)

warum geschah es?

oben in der quelle steht, es war eine vergeltungsaktion der nazis wegen dem widerstandsattentat auf den NSB-ler maalcke. der hauptschütze beim attentat auf mees soll ein adolf de man gewesen sein, der dann 1950 zu lebenslang verurteilt wurde, er soll nach dem krieg in deutschland, in hegge (landkreis höxter) gewohnt haben. (das attentat gegen mees war ja nur 5 tage nach dem attentat auf den apotheker bicknese, bei welchem boere beteiligt war.)

war er nun im gefängnis oder nicht? der schütze, der auf mees …?

dieser adolf de man? das geht aus den angaben der homepage nicht hervor. vielleicht hat sich ja adolf de man wie auch heinrich boere irgendwie nach deutschland abgesetzt und blieb dann ewig unbehelligt. das müsste man nachrecherchieren.

es gäbe so viel zu recherchieren.

ich weiß. aber heute haben wir wieder etwas gelernt. wir haben zwei weitere täternamen, die wir auch nicht vergessen: bart slop und adolf de man, und wir haben ein opfer, dass wir als a.r.p. mees kennen, nach dem in vaassen eine straße benannt wurde und der auf dem friedhof am apeldoornsweg dort begraben liegt. mees wurde am 25.8.1883 geboren und starb durch einen gemeinen und heimtückischen mord am 19.7.1944. (übrigens nicht sofort, sondern er erlag abends an den folgen der vielen schüsse.) das opfer werden wir erst recht nicht vergessen.

die welt ist so verdammt schlecht.

halt. es gibt noch anderes: so fand ich informationen über einen niederländischen nazijäger namens jack kooistra, der in leeuwarden wohnt(e). der soll leute wie (obigen) adolf de man oder gerardus weimar oder klaas epskamp oder herbertus bikker aufgespürt haben. es gibt also auch diese seite: die aufarbeitung nach dem krieg und die leute, die keine ruhe geben. kooistra nennt man auch den wiesenthal der niederlande, aber er hat 2005 offiziell bekanntgegeben, dass er mit seiner tätigkeit als „spürhund“ nun aufhört. er muss ein großes (privates) archiv über opfer und täter haben, alles aus der und über die NS-zeit in den niederlanden.

was war denn mit bikker?

das war doch der „henker von ommen“, ein ganz brutaler fieser mensch, der zum tode verurteilt war, aber 1952 nach deutschland fliehen konnte und dort in hagen lebte. (so wie boere). schließlich wurde – wie bei boere – das verfahren nach jahrzehnten dann doch begonnen. 1993 aufgespürt bzw. entdeckt begann das verfahren dann jahre später. aber …

was aber?

man musste das verfahren einstellen, wegen „verhandlungsunfähigkeit.“ der prozess wurde quasi abgebrochen. 2004 war das. und 4 jahre später ist bikker gestorben, ohne in deutschland abgeurteilt worden zu sein. der „henker von ommen“ kam glimpflich davon.

dann ist die welt nicht gerecht?

nie! es gibt massig NS-täter, die sogar vollkommen unbehelligt lebten. – wir können nur hoffen, dass die angst vor der entdeckung, ihnen das leben zur hölle machte.

was heinrich boere wohl denkt oder fühlt oder glaubt oder meint?

er äußert sich ja nicht.

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Brav besucht KLAUSENS weiterhin den NS-Mordprozess gegen Heinrich Boere in Aachen

klau|s|ens, prozesstag 15.

ja, ein kurzer.

wieso?

es gibt nichts mehr zu verlesen, der einzige lebende zeitzeuge ist gehört (bestemann bzw. besteman in rotterdam), wichtige dokumente (die neu entdeckten oder zumindest neu von der nebenklage eingebrachten von letzter woche!) müssen noch übersetzt werden.

hat nicht die verteidigung von boere etwas zu dem gesagt, was die nebenklage will? vor eine woche? diese neuen dokumente aus dem archiv in maastricht. die verhörprotokolle? hat sie nichts dazu gesagt?

die verteidigung von heinrich boere (oder hendrik boere, denn niederländisch HENDRIK meint deutsch HEINRICH) wollte sich zu den dokumenten noch nicht äußern, sondern erst die übersetzung ins deutsche abwarten.

liegen die dokumente denn komplett auf niederländisch in aachen vor? diese verhörprotokolle über die razzien in helden-panningen?

ja, maastricht hat sie schnell nach aachen geschickt: die amtshilfe deutschland-niederlande bzw. umgekehrt klappte offenbar sehr gut.

und nun?

nun wusste heute beim prozess in aachen niemand recht weiter: für die plädoyers war es noch zu früh, denn dazu muss ja die beweisaufnahme samt zeugenvernehmung und beweisanträgen et al. komplett beendet sein, offiziell … aber ansonsten ist derzeit wohl nichts neues in diesem prozess zu tun. wir bekamen noch ein paar termine für weitere prozesstage, die bis 24.3. reichen (tag des urteils?). aber mehr war nicht.

dann ginget ihr nach hause? ohne alles? ein gerichtstag ohne jede aktion?

nein, die verteidigung hatte dann doch noch einen antrag in petto. sie wollte, dass ein verhör von einem bart slop, ein mittäter dieses silbertanne-kommandos, verlesen wurde … und dadurch bestandteil dieses prozesses wird.

und?

es geschah, denn ansonsten wären wir völlig sinnlos an diesem prozesstag in aachen gewesen.

man verlas?

ja, man verlas das verhör, welches die verteidigung wünschte, aber auch noch ein weiteres, welches ebenfalls vorlag. beide verhöre sind von ein und demselben täter, von einem mitglied der waffen-SS (1941) … und ab 1944 mitglied der SS in den niederlanden: bart slop. einer wie boere. (15.2.1946 und 2.4.1946, S. 350 ff. bzw 50 ff., sonderband I der prozessakten.) wir hörten also zwei – eher kurze – zusammenfassungen von verhören, die irgendeiner von der justiz oder der polizei oder wem immer damals machte. im gefängnis zu arnhem (= deutsch: arnheim), denn da saß dieser bart slop wohl ein. da befragte man ihn zweimal.

was erhofft sich die verteidigung?

sie meint, dass u.a. der text dieses einen verhörprotokolls (wir hörten dann ja 2 protokolle) beweist, dass die mörder des kommandos feldmeijer mit dem tod oder mit KZ bedroht wurden, sofern sie die befehle nicht befolgten oder die geheimhaltung verletzten. die verteidung hat ja als linie: boere gibt 3 morde zu, aber er musste sie ausüben, da er sonst selber von seiner eigenen SS (oder dem SD in der SS oder weiteren gliederungen, derer es ja unübersichtlich viele gab) umgebracht worden wäre. oder in ein KZ gekommen wäre.

ging das aus den verhörprotokollen hervor?

nur bedingt. oder eher: kaum. der anwalt der nebenklage, also der nachkommen der opfer der morde, heiermann, meinte nachher sehr klar: wenn überhaupt, dann ging es in den protokollen nur um die androhung von strafe bei verletzung der geheimhaltung. aber morden = menschen umbringen, das taten doch alle bei dieser feldmeijer-truppe offenbar eher sehr freiwillig. (die haben in einem fall sogar mal hölzchen gezogen, wer beim morden dableiben muss, weil die autos nicht genug plätze hergaben.)

was denkst du?

ich denke, dass verhörprotokolle von 1946 leider heute nicht mehr durch nachfragen zu verifizieren sind, zumal der verhörte, bart slop, vielleicht (oder sicher) tot ist. – bei jedem verhör gilt zudem, dass die täter sich damals wohl auch zu schützen versuchten. und es liegt nahe, dass man 1946 als verhafteter dann immer dreist sagt: „ich musste es tun!“ diese schutzbehauptung ist immer gut.

meinst du?

und wenn bart slop das also gesagt hat, 1946, dann muss es noch nicht gestimmt haben. zumindest nicht so, wie er es behauptet. man muss ja alle dokumente querlesen … und vergleichen und sich daraus eine meinung bilden. (und man muss wissen, wie die NS-besatzer insgesamt gehandelt haben, und ob überhaupt jemals menschen aus der SS oder aus dem SD oder aus der landwacht oder der SIPO umgebracht wurden, weil sie einen mord nicht ausführten. ich bezweifele, ob es quellen gibt, die beweisen können, dass man innerhalb der „germaanschen SS“ der niederlande die eigenen leute umgebracht hat, weil diese nicht mehr voll mitmachen wollten. aber das sollen die historiker uns erzählen. vielleicht gibt es ja einen fall, oder zwei. aber so groß wird die angst nicht gewesen sein, meine ich, nach dem, was ich bislang dazu in diesem prozess und außerhalb hörte.)

wer ist dieser bart slop?

er ist einer von den circa 15 leuten (ich müsste sie mal alle namentlich erfassen und dann zusammenaddieren. aber ich habe die akten dazu leider nicht.), die bei diesem „kommando feldmeiejer“ aktiv waren und die doch gezielt „repressalaktionen“ durchführten, besonders dann, wenn einer der NS-ihren durch den widerstand mutiger niederländer ums leben kam oder zumindest durch ein attentat verletzt wurde. das war ja dann knallhart: ein toter deutscher, und dann sollten gleich mehrere niederländer als rache dran glauben.

und bart slop?

bart slop, geboren am 24.6.1914 in rotterdam, damals dann wohnhaft in voorburg (heute teil von leidschendam-voorburg), mitglied der „Germaanschen SS“ in den niederlanden, bis 4.11.1941 beamter bei einer behörde vom ministerium „economische zaken“ (wirtschaftsministerium) in den haag, ab 5.11.1941 waffen-SS (freiwilig gemeldet), kam 1941 nach zwischenstationen, u.a. wohl in klagenfurt und/oder graz, an die ostfront; nach verwundung 1944 zurück in die niederlande, im april wohl, dann auch im jahr 1944 wurde er ins „sonderkommando feldmeijer“ berufen (oder abkommandiert? oder hat er freiwillig sich dorthin gemeldet? das ist eine der fragen, die diesen boere-prozess begleiten). beteiligte sich während der „aktion silbertanne“ wohl an den morden an j. de vries, dr. josua bromet und dirk ubbels.

und?

morgen erzähle ich dir mehr zu einer aktion von bart slop. ich bin jetzt müde von allem. immer mord, mord, mord.

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Zu den Neu-Mord-Vorwürfen gegen Heinrich Boere im NS-Kriegsverbrecherprozess zu Aachen schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, mit jedem deiner beiträge über heinrich boere und den prozess gegen ihn im landgericht aachen (justizzentrum aachen), wächst auch die zahl deiner kunstwerke.

es sind immer neue überlagerungen und veränderungen, ein stetiger prozess.

dann entstehen also nicht nur die LIVE-gedichte, sondern auch eine art künstlerischer zyklus.

das ist ja das fatale: man arbeitet sich an allem ab, jahrzehnte, jahrhunderte, und wieder ab, und wieder ab – und dann kommt schon das neue hinzu. die menge wird immer größer und größer. verbrechen um verbrechen. und zu viele gegen die menschlichkeit.

du meinst, wir sind mit den alten verbrechen noch lange nicht „klar“, und doch passieren täglich neue schandtaten auf der welt, die wir dann auch noch „bearbeiten“ müssen, oder verarbeiten, oder irgendwie verstehen?

es ist unendlich: das ist das menschliche fatum. – und dann haben wir noch ereignisse wie die STASI-debatte, wo es nicht um völkermord ging, gewiss, aber doch um morde … und viele ruinierte leben.

und die täter und täterinnen führen auch noch teilweise angenehme leben.

das geht ja hinein bis in die parlamente. wir nehmen mal den landtag von brandenburg. dort sitzen ja STASI-mitarbeiter, wobei natürlich die schuld in jedem einzelfall zu klären ist. mitläufertum ist aber auch schon eine form von schuld, um auch das klarzustellen.

wir aber sind immer noch mit den NS-verbrechen befasst.

wir müssen das eine tun und das andere nicht lassen.

die NS-verbrechen sind vom ausmaß die unfasslichsten.

sicher, und deshalb sollten wir auch in der nachspürung aller täter am konsequentesten sein. das ist ja auch die große narbe dieses nachkriegsdeutschlands: wir haben diese unermesslichen verbrechen … und wir haben die nichtverfolgung dieser verbrechen und verbrecher durch die deutsche justiz der 50er, 60er, 70er, partiell auch der 80er jahre.

aber nun scheint alles anders zu sein.

nun gibt es kaum noch lebende täter.

war es nicht richtig, dass shimon bzw. schimon peres, der israelische präsident, dann am auschwitz-gedenktag (zur befreiung des KZ am 27.1.1945) im deutschen parlament dazu aufrief, die täter weiter zu verfolgen?

oh ja! ich zitiere aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 28.1.2010, seite 1: „Peres, dessen Großvater von den Nazis ermordet wurde, beklagte, dass Täter auch in Deutschland immer noch unbehelligt lebten. Ans Parlament gewandt forderte der Präsident: ‚Bitte, tun Sie alles, um sie einer gerechten Strafe zuzuführen.‘ “

das war am 27.1. – und am 28.1. war dann der 14. prozesstag gegen heinrich boere.

genau: und absichtsvoll kamen dann die vertreter der nebenklage einen tag nach dem gedenktag zur befreiung von auschwitz mit neuen fakten zu boere.

eben: sie kamen mit dieser razzia in helden-panningen am 17.5.1944 (wo boere bei war), und mit aktionen vor dieser razzia von 3 undercover-agenten (wo boere bei war) … und sie konnten für 7 personen nachweisen, dass sie in dieser razzia verhaftet wurden und dann hernach durch die qualen der nazis den tod fanden.

und dann haben sie gesagt: wir zeigen heinrich boere wegen mordes an.

sie meinten damit dann 7 neue fälle, in denen sie der meinung sind, dass boeres verhalten ursächlich ist, dass diese niederländer dann als zwangsarbeiter oder im KZ … oder auch durch die entkräftungen unmittelbar nach der befreiung jeweils den tod fanden.

es geht also darum, dass boere einerseits 3 menschen heimtückisch umbrachte (die opfernamen de groot, kusters und bicknese seien in erinnerung gerufen) …

… und es geht darum, dass boere noch weit mehr war, als einfach „nur“ ein befehlsausführender! denn an einer 3-köpfigen undercoveraktion sich zu beteiligen, die dann zu einer razzia führt, die dann in der folge einige menschen (wahrscheinlich ja mehr als diese mit todesdatum zu recherchierenden 7) in den sicheren tod dann befördert … das ist ja doch schon eine aktive und wichtige funktion im NS-besatzungsapparat der niederlande.

es geht immer um die taten, um die täter und um die opfer. alles muss beschrieben und erfasst werden. nichts darf vergessen werden. und alle täter müssen einer gerechten strafe zugeführt werden.

aber kann man den boere für diese tode verantwortlich machen?

aber ja, aber ja: alles tun hat konsequenzen. deshalb muss man das hernach immer mitdenken.

du meinst wie bei denen, die bei den deportationen aktiv halfen?

das ist eine lange liste von menschen, in unterschiedlichen funktionen. du hast immer die am schreibtisch, die dokumente zeichnen und persönlich befehlen. die sitzungen leiten, sitzungen besuchen. die, die zustimmen und ja-sagen und geschehen lassen. (denke doch nur an die wannsee-konferenz!) dann hast du die umsetzer. und du hast die, die dann die menschen direkt in die waggons hintreiben, die sie nachher hinausholen. und die, die sie zum schluss in die gaskammern jagen. diejenigen, die für das gas verantwortlich sind. diejenigen, die die krematorien erbauen. überall sind menschen am werk (teils ja auch gefangene, die dazu gezwungen wurden). und jede tat ist genau zu bemessen. da muss man die dinge schon aufklären und länger über alles nachdenken. (zumal alle nachher behaupten: „ich habe ja nicht gewusst, dass die deportationen den tod bedeuten würden und dass die menschen vergast würden.“ das ist ja der klassiker, auch im kölner prozess war das so.)

hat der lischka deshalb nur 10 jahre bekommen?

du meinst, kurt lischka (urteil 10 jahre, der ja so schön in köln-holweide wohnte) und ernst heinrichsohn (urteil 6 jahre) und herbert m. hagen (urteil 12 jahre). die 3 männer vom sogenannten „lischka-prozess“ von 1979 in köln? wo serge klarsfeld die nebenklage vertrat?

ja, ja, das und die meine ich.

du musst immer noch die tat (bzw. die taten) nachweisen oder die beteiligung an der tat oder die planung der tat oder das zulassen der tat. oder das wissen. es hängt immer auch alles von der beweislage ab. dafür haben wir ja nun nach 1945 unseren rechtsstaat. zum glück. – aber immerhin sind sie verurteilt worden, nachdem serge und beate klarsfeld sie aufspürten.

und boere?

ich denke, dass dieser 28.1.2010 im boere-prozess eine wichtige stunde war, die irgendwo bei den recherchen der klarsfelds und von siemon wiesenthal anknüpft … und die auch die mahnung von schimon peres (siehe oben) aufgreift: allen tätern, die frei rumlaufen, muss der prozess gemacht werden … und dann müssen alle taten öffentlich gemacht und beleuchtet werden. insofern ist es wichtig zu wissen, was boere tat und woran boere aktiv teilnahm.

und die menschen von helden-panningen?

die werden neues lernen über ihre widerständischen helden. der name scheint ja wirklich zu passen, auch wenn helden-panningen seit dem 1.1.2010 zur neu genannten gemeinde „peel en maas“ wurde, zusammen mit anderen kleinen orten. der name „helden“ wird nicht verschwinden.

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Über neue Fakten im NS-Prozess, also im Heinrich-Boere-Prozess, am Landgericht Aachen schreibt KLAUSENS

klau|s|ens, beim boere-prozess gab es einen kleinen „paukenschlag“?

ja, es kam neue bewegung in den sachstand des wissens um die fakten der NS-verbrechen in den niederlanden am beispiel des täters heinrich boere.

was genau?

die anwälte der nebenklage, also die vertreter der nachkommen der opfer dieser NS-morde von 1944 … die haben nun mit hilfe von anderen aktiven menschen neue akten ausgegraben.

worum geht es?

es geht immer noch um die frage, wie man drei morde an widerständischen niederländern zu bewerten hat, die von der SS bzw. dem SD (und anderen instanzen) in den niederlanden verübt worden. die morde an bicknese, de groot und kusters. beispielhaft geht es in diesem prozess um diese 3 morde von boere.

hat heinrich boere denn nicht diese 3 morde zugegeben?

doch, das hat er. (allerdings erst mitten im prozess, nicht direkt zu anfang.) aber er beruft sich auf die pflicht des befehlsnotstandes. er argumentiert also so, wie es soldaten tun: hätte ich nicht geschossen, hätte man mich erschossen. so läuft zumindest der strang der verteidigung. boere selber sitzt im rollstuhl und schweigt.

und nun?

nun werden neue fakten zu dem puzzle „boere“ hinzugefügt: man muss ja auch diesen heinrich boere in seiner nähe zur waffen-SS, zum SD, zur GESTAPO, zur NSDAP bzw. NSB … und zur NS-besatzungsmacht der niederlande insgesamt erschließen.

das verstehe ich, zumal ja alle angaben zu seinem lebenslauf so erschreckend dünn sind. er hat selber so wenig erzählt (bzw. von seinen anwälten verlesen lassen), dass man es sowieso nicht glauben konnte. so wenig weiß kein mensch über sein leben!

genau so: alles, was wir von seinem leben wissen, ist sehr dürr. dabei gibt es bestimmt viele quellen und dokumente, die anzuzapfen wären.

und nun?

nun hat man gezapft, z.b. in maastricht, regionalarchiv limburg, da ist man fündig geworden.

was bekam man heraus?

man fand heraus, dass dieser heinrich boere schon am 8.2.1943 offiziell als sympathisant des NSB geführt wurde, der niederländischen variante einer NSDAP, und am 4.5.1943 wird er sogar mitglied.

aha, er ist also mehr als „nur“ mitglied der waffen-SS? und „nur“ mitglied des „kommandos feldmeijer“?

oho, ja, ja: der mensch boere zieht erst freiwillig mit der waffen-SS (division wiking etc.) an die ostfront, dann kommt er zurück, dann hat er wohl als ableser für die kommunalbehörde gearbeitet (ein idealer spitzeljob für böse zwecke! man hat ihn da bestimmt nicht ohne grund angestellt!), dann ging er in die oder den NSB (nationaalsocialistische beweging) … und er ging auch am 14.1.1944 offiziell in die landwacht, siehe altes propaganda-material (video/fotos) hier, den bewaffneten arm der/des NSB, bis dann die „aktion silbertanne“ anlief, bei der dann gezielt gemordet wurde.

das ist ja eine ganze menge.

eben: das wurde alles schön verschwiegen. aber so rundet sich das bild eines bewussten und aktiven täters ab.

und?

dann haben sie noch herausgefunden, dass boere an einer razzia beteiligt war, am 17.5.1944, in helderen-panningen, und dann wurde da 52 menschen verhaftet, und einige davon gingen in den sicheren tod via zwangsarbeit oder KZ … oder beides.

eine razzia?

man vermutete, dass in helden-panningen viele untertauchen konnten, aus dem widerstand, auch leute, die sich absetzten, und dann wollte man dieses „nest“ ausheben. boere war dabei. (später gab es noch zwei razzien in helden-panningen, bei einer wurden dann 800 leute festgenommen, das war die sogenannte „kerkrazzia“ = kirchenrazzia.)

bei einer razzia war er dabei? mit 100 oder 120 anderen bewaffneten NS-leuten?

halt, vorher noch war der heinrich boere schon aktiv. und da war einer von dreien, ganz wichtig also! er hat diese razzia vom 17.5.1944 vorbereitet, indem er einige tage zuvor mit zwei anderen (mit dem fahrrad wohl) schon in dieses dorf gefahren ist … und hat sich ganz „undercover“ als jemand vom widerstand ausgegeben, der nun untertauchen müsse.

er ist also in die rolle eines widerständlers geflüchtet? er hat alle betrogen und belogen?

ja, und dann hat man ihn auch noch aufgenommen. er durfte bei bauern schlafen! so helfend waren die menschen dort!

die dachten, boere sei einer von ihnen? einer gegen des NS-regimes?

sie boten unterschlupf für die, die vor den nazis fliehen  wollten. (sie wussten nicht, dass boere „undercover“ kam.) helden-panningen scheint ein bewundernswertes dorf gewesen zu sein.  und genau diese – anständigen – leute des NS-widerstandes von unten, die wurden dann von boere und seinen 2 mitspionen hernach knallhart verraten. und dann kam wenige tage später diese razzia vom 17.5.1944.

das sind ja abscheuliche geschichten.

es hat wieder etwas von schlechten krimis, die auf RTL II sonst laufen. aber es scheint die wahrheit zu sein.

und das alles erschließt sich aus den neuen akten?

ja, die verteidiger hartmann und heiermann haben zusammen mit den ungenannten helfern (bei denen sie sich im prozess noch ausdrücklich bedankten) viel – neues – material zusammengetragen. (tolle leistung! kompliment an alle!)

das belastet boere?

sicher: denn es geht ja um die „schwere der schuld“ (und um die schuld als solche auch) – und wenn boere behauptet, er sei ein kleines rädchen gewesen, dass mehr oder minder unwollentlich taten ausführte, aber nicht anders konnte, weil man ihn sonst selber abgestraft hätte … oder erschossen hätte … und wenn nun rauskommt, dass boere mehrfach und zudem überaus aktiv war, für die NS-bewegung in den niederlanden, und das sehr bewusst, und sehr vielfältig, zusätzlich zu den morden noch, dass es also wie ein langer strom der ketten von übeltaten war, dann steht seine person in einem anderen licht da.

ich erinnere mich an serge und beate klarsfeld.

ich auch: die haben doch leute wie den lischka und den hagen und den heinrichsohn aufgespürt, die dann in köln 1979 vor gericht kamen. (barbie ja später auch. der kam in lyon vor gericht.)

scheinbar redliche deutsche, die sich da tarnten und im normalen alltag lebten, obwohl sie grauslichste verbrechen begangen hatten. prokurist einer getreidehandlung in köln – das war der kurt lischka später, nach dem krieg! bis die klarsfelds kamen. er lebte da unbehelligt ein scheinbar normales leben. dann wurde er 1971 aufgespürt und erst 1979 kam es zum prozess in köln: 10 jahre haft. (es ging dabei um aktive beteiligung an der deportation und ermordung von mindestens 40.000 juden.)

aber die klarsfelds spürten diese täter auf. ansonsten …

genau. lischka musste dann wenigstens in haft. nach seiner haft, die er nur teilweise absitzen musste, lebte er noch in einem seniorenheim in brühl.

boere lebt doch auch im seniorenheim! er ist aber für seine taten noch nicht belangt worden!

und boere ist jetzt einer von der unteren täterschiene, aber – so sieht es ja auch – offenbar alles andere als ein „zufällig hineingeratener“.

nein, boere war wohl einer der bewusstesten aktiven. er wurde nach dem mord an den apotheker bicknese offenbar auch zum hauptscharführer befördert. da kommen viele dinge zusammen.

und das alles hat man nun erst aufgespürt?

ich sage: dazu sind solche prozesse doch da!  die geschichte neu bearbeiten! fakten ans licht! fakten neu bewerten! die geschichte betrachten! die täter! die taten! die hintergründe! und endlich ist auch neues material nach oben befördert worden, was man so – in der öffentlichkeit zumindest – nicht kannte.

woher sind diese informationen zu den razzien?

man hat 1947 wohl opfer der razzien befragt, die dann davon berichtet haben. davon gibt es vernehmungsprotokolle. und man hat jetzt allen biographien der personen nachgespürt, die bei diesen razzien festgenommen wurde, zumindest bei dieser besagten am 17.5.1944.

und?

das habe ich doch schon gesagt: da sind einige tot, und die geburtsdaten und die todesdaten und die namen dieser opfer wurden von den anwälten heiermann und hartmann im gericht vorgetragen. das war eine große stunde: das man die namen der toten vorträgt. denn diese sind ja ermordet worden, nachher in deutschland. oder an den folgen der untaten an ermattung gestorben. und diese namen wurden verlesen. so hat man ihnen eine art symbolisches denkmal gesetzt. (ich hoffe, dass man diesen opfern in helden-panningen einen gedenkstein setzten wird oder schon gesetzt hat. und allen überlebt habenden helfern natürlich, die damals so mutig gewesen sind.)

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